WELK SCENARIO WACHT OEKRAÏNE?

Forbes – War for resources


Een soeverein land met een een niet verkozen president aan het hoofd, die zijn land in de uitverkoop gooit, hoe valt dat te rijmen?
 


 
 

SCOTT HORTON IM INTERVIEW:
“Die Realität ist: der Osten der Ukraine ist verloren”

Die Vertreter einer aggressiven US-Außenpolitik haben den Ukrainekrieg maßgeblich mitzuverantworten, sagt der amerikanische Autor Scott Horton im Interview.
 

US-Präsident Joe Biden und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi beim 75. NATO-Gipfel in Washington.Beata Zawrzel/imago

Simon Zeise
Scott Horton

 
Der Krieg in der Ukraine erreicht dieser Tage einen Wendepunkt. Die ukrainische Armee scheint der russischen Armee nur noch wenig entgegenzusetzen zu haben. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eingeräumt, dass er sich mit Gebietsabtretungen an Russland arrangieren werden müsse. Wird es unter US-Präsident Donald Trump zu Friedensverhandlungen kommen? Der amerikanische Radiomoderator und Publizist Scott Horton hat in seinem neuen Buch „Provoked. How Washington started the New Cold War with Russia and the catastrophe in Ukraine“ die Vorgeschichte des Krieges aufgearbeitet. Die Berliner Zeitung sprach mit ihm über die langfristigen Ziele der USA, die Rolle Angela Merkels und mögliche Friedensszenarien.
 

Mister Horton, der Krieg in der Ukraine tobt seit nunmehr fast drei Jahren. Die USA sind der wichtigste Verbündete Kiews. Welches sind die langfristigen Ziele der amerikanischen Regierung in der Ukraine?

Es ist kompliziert. Im Wesentlichen wollen sie die Ukraine in den sogenannten amerikanischen Sicherheitsschirm integrieren und eine ihnen wohlgesonnene Regierung installieren. Russland wurde mit einer ständigen Osterweiterung der Nato unter Druck gesetzt. Natürlich wollten die Nachbarstaaten Russlands den Schutz der Amerikaner. Aber das Problem ist, dass es sich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung entwickelte, wenn es um ein Land wie die Ukraine geht, das für Russland von höchster Bedeutung ist. Als die USA erklärten, die Ukraine sollten Mitglied der westlichen Sicherheitsarchitektur werden, war eine Schwelle übertreten.

Schon seit den 1990ern spielen die USA eine Nato-Mitgliedschaft für die Ukraine durch. Doch die klügsten Mitglieder der amerikanischen Führung hatten stets davor gewarnt. Die Geschichte der Ukraine und die Russlands sind stark miteinander verflochten. Russland hat ein bedeutendes strategisches Interesse an dem Flottenstützpunkt in Sewastopol auf der Krim. Die Strategie der Amerikaner, die Ukraine aus dem Interessensgebiet Russlands und in die westliche Einflusssphäre zu integrieren, wurde eine direkte Bedrohung für Russland, die eine Reaktion provozierte.

Würden Sie sagen, die amerikanische Regierung hatte Russland unterschätzt?

Der Teil des amerikanischen Establishments, der auf eine weitere Westintegration der Ukraine setzte, dachte nicht, dass Russland in der Ukraine einfallen würde. Ich erinnere an die Worte von Senator Chris Murphy, der nach der sogenannten Maidan-Revolution von 2014 im Fernsehen die Rolle der USA beim Sturz der Regierung lobte. Murphy sagte: „Wir haben großartige Arbeit geleistet.“ Der Moderator fragte daraufhin, ob dadurch nicht ein Konflikt mit Russland provoziert werden könnte. Murphy antwortete: „Das wäre verrückt.“ Er ging davon aus, dass Russland nicht intervenieren würde. Wenige Wochen später verlor die Ukraine die Krim und der Osten des Landes befand sich im Krieg.
 

Reichweite von bis zu 300 Kilometern: eine ballistische Kurzstreckenrakete vom Typ ATACMS.US Army/AP

Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Biografie die Entscheidung verteidigt, die Ukraine auf dem Nato-Gipfel 2008 in Bukarest nicht in die Nato aufgenommen zu haben. Welche Auswirkung hatte Merkels damalige Entscheidung?

Nun, die sogenannten Falken, die für eine aggressive amerikanische Außenpolitik stehen, argumentieren, wenn der Ukraine damals weitreichende militärische Zusagen gemacht worden wären, hätte der Krieg gar nicht erst begonnen, denn Putin hätte kein Nato-Mitglied angegriffen. Ich denke, die plausiblere Antwort ist, dass Russland unmittelbar eine Invasion in der Ukraine gestartet hätte, noch bevor die Nato-Verträge unterschrieben worden wären.

Der damalige US-Präsident George W. Bush war gewarnt. Der amerikanische Botschafter in Russland, William Burns, schrieb im Februar 2008 ein Memorandum, das von Wikileaks veröffentlicht wurde, mit dem Titel „Njet means Njet. Russia’s Nato Enlargement Redlines“. Burns warnt darin seine Vorgesetzte, Außenministerin Condoleezza Rice, davor, die Ukraine und Georgien in die Nato zu holen. Es ging dabei nicht nur um Putin. Für den gesamten russischen Sicherheitsapparat wäre damit eine Grenze überschritten worden. In seinen Memoiren berichtete Burns später von einer E-Mail an Rice, in der er ihr darlegt, was für ein neuralgischer Punkt die Angelegenheit für Russland ist.

Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande taten alles, was sie konnten, um Bush zu stoppen. Aber Bush war entschlossen. So einigten sie sich auf den Kompromiss, der Ukraine nicht ein Aufnahmeverfahren für die Nato-Mitgliedschaft zu garantieren, sondern nur, dass Kiew eines Tages ein Nato-Aufnahmeverfahren in Aussicht gestellt werde. Merkel war mit ihrer Haltung gegen Bush auf einer Linie mit der Führung der amerikanischen Sicherheitsdienste und des US-Außenministeriums.

Also war es eine weitsichtige Entscheidung der damaligen deutschen Bundeskanzlerin?

Merkel war in tiefer Sorge, Russland zu provozieren. Sie dachte nicht darüber nach, was für ökonomische Kosten im Falle einer militärischen Auseinandersetzung auf Deutschland zukommen würden. Die einzige Frage war, warum sollte sie Putin provozieren, wenn Deutschland keinerlei Vorteile daraus ziehen könnte.

Während Präsident Joe Biden immer als starker militärischer Unterstützer der Ukraine aufgetreten ist, hat sein Amtsnachfolger Donald Trump angekündigt, die Militärhilfe für die Ukraine einzustellen. Warum haben die Demokraten in den USA ein stärkeres Interesse an der Ukraine als die Republikaner?

Ich bin mir nicht sicher, ob das so ist. Von der politischen Rechten wird der Vorwurf erhoben, dass die Demokraten Geldwäsche betreiben und krummen Geschäften in der Ukraine nachgehen. Darüber weiß ich nichts Genaues. Ich denke, der Skandal um Joe Bidens Sohn, Hunter Biden, der Bestechungsgeld aus der Ukraine erhalten haben soll, ist nicht entscheidend. Es fängt früher an: Hunter Biden wurde beim ukrainischen Energieversorger Burisma Holdings installiert, um den Inhaber der Firma, Mykola Slotschewskyj, zu schützen. Slotschewskyj war eng mit der Regierung des geflohenen Präsidenten Wiktor Janukowytsch verbunden. Deshalb suchte er Schutz bei den Amerikanern. Burisma heuerte Hunter Biden an, ebenso den ehemaligen CIA-Offizier Cofer Black sowie den früheren Präsidenten Polens, Aleksander Kwaśniewski.
 

Angela Merkel trifft George W. Bush bei dem Nato-Gipfel in Bukarest im Jahr 2008.UPI Photo/imago

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Haben die Demokraten ein größeres strategisches Interesse an der Ukraine als die Republikaner? Ich würde es so sagen: Der überparteiliche Konsens in der US-Außenpolitik ist absolut einverstanden mit Joe Biden. Die neue Rechte, die Trump unterstützt, ist gegen eine interventionistische US-Außenpolitik. Das Establishment der Republikaner, wie zum Beispiel der Minderheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell, liegt voll und ganz auf der Linie der aggressiven US-Außenpolitik von George W. Bush, John McCain und Joe Biden. Ihnen geht es jetzt vor allem um Schadensbegrenzung. Denn die USA haben in der Ukraine eine verheerende Niederlage erlitten. Es ist genauso wie in Afghanistan und in Vietnam. Jahrelang finanzierten die USA den Krieg und Millionen Menschen starben. Am Ende standen die Roten in Saigon, und heute regieren die Taliban wieder in Kabul.

Die USA haben die Ukraine in ein entsetzliches Chaos gestürzt. Um Russland effektiv zurückzudrängen, müssten die USA eigene Soldaten in der Ukraine stationieren. Doch dafür wäre der Preis einer nuklearen Eskalation zu hoch. Die Realität ist: Der Osten der Ukraine ist verloren.

Die Bereitschaft in der amerikanischen Bevölkerung sinkt, die Ukraine weiter im Kampf gegen Russland zu unterstützen. Warum steht die Mehrheit der Amerikaner nicht mehr hinter der Regierung von Präsident Wolodomyr Selenskyj?

Weil es offensichtlich ist, dass wir belogen wurden. Es hieß, wir werden die Ukraine so lange es dauert gegen Russland unterstützen. Aber es sollte ein oder zwei Jahre dauern. In den Medien wird oft der Witz erzählt: „Russland hat die zweitstärkste Armee der Welt. Es sieht aber eher danach aus, dass sie nur die zweitstärkste Armee in der Ukraine haben.“ Doch nun dauert der Krieg bereits drei Jahre, und mittlerweile sind sich die führenden Zeitungen in den USA einig und auch Selenskyj ist sich darüber im Klaren, dass die Ukraine auf Gebiete verzichten muss.

Die amerikanische Bevölkerung interessiert sich nicht so sehr dafür, was in der Oblast Donezk passiert. Sie sorgt sich viel stärker darüber, dass im eigenen Land Brücken erodieren und dass sie bei schweren Naturkatastrophen von der eigenen Regierung im Stich gelassen wird. Als im September Hurrikan Helene North Carolina zerstörte, hätte die U.S. Army Hilfe leisten können. Es gibt mehrere Standorte in dem Bundesstaat. Wo waren die Blackhawk-Hubschrauber, um Amerikaner aus den Fluten zu retten? Sie waren in Europa, um die Nato zu unterstützen, und auf dem Weg in den Nahen Osten. Als die Menschen in North Carolina ums Überleben kämpften, gab Präsident Biden bekannt, dass ein weiteres Milliarden-Paket für die Ukraine genehmigt werde. Das ist ein wichtiger Punkt, warum die Demokraten die Präsidentschaftswahlen verloren haben.
 

Deutschland bezieht teures LNG aus den USASina Schuldt/dpa

Der Ukrainekrieg hat die deutsche Wirtschaft in die Rezession gedrückt. Seither bezieht Deutschland nicht mehr günstiges Gas aus Russland, sondern teures LNG aus den USA. Ist das nur eine Verknüpfung unglücklicher Umstände?

Die Deutschen sind der Kollateralschaden in Amerikas Wirtschaftskrieg gegen Russland. Das Ziel war es, so viel russische Gasexporte nach Westen zu unterbinden wie möglich und Russland in den Staatsbankrott zu treiben. Aber das funktioniert nicht. Russland liefert sein Gas nun in Richtung Osten.

Amerikanische Geostrategen diskutieren es erstaunlich offen, wie zum Beispiel George Friedmann vom Thinktank Stratfor, dass die absolute Priorität für die USA die Loslösung Russlands von Deutschland ist. Die Funktion der Nato ist es, Amerika drinnen, Deutschland unten und die Russen draußen zu halten, wie es der erste Nato-Generalsekretär Lord Ismay 1949 beschrieb. Ein Bündnis aus Deutschland, der industriellen Supermacht, und Russland, der Ressourcen-Supermacht, würde Osteuropa dominieren und den Einfluss der Amerikaner und Briten in der Region zunichtemachen.

Es ist kein Zufall, dass Senator Ted Cruz aus meinem Heimatstaat Texas ein entschiedener Gegner der deutsch-russischen Pipeline Nord Stream 2 war während der Trump- und Biden-Jahre. In Texas wird viel von dem amerikanischen LNG gefördert, das die USA gewinnbringend nach Deutschland liefern. Viktoria Nuland, die frühere Europa-Beauftragte im US-Außenministerium, sagte zu Cruz: „Nun, Herr Senator, es ist das geschehen, was Sie immer wollten: Nord Stream 2 ist ein Metallklumpen auf dem Meeresboden.“

Der ukrainische Präsident verliert zunehmen an Rückhalt in der Bevölkerung. Glauben Sie, er wird sich halten können, wenn die Ukraine weiter in die Defensive gerät?

Selenskyj hat seine Macht gestärkt, indem er die Präsidentschaftswahlen ausgesetzt und das Kriegsrecht verhängt hat. Es wird darauf ankommen, ob es mächtige Herausforderer geben wird, die eine Alternative anbieten können. Es kommt auch darauf an, welchen Teil der Bevölkerung man fragt. Je weiter man in den Westen geht, desto öfter bekommt man die Antwort, dass weiter gegen Russland gekämpft werden soll. Geht man in den Osten des Landes, heißt es, man solle auf Verhandlungen setzen.
 

Donald TrumpJulia Demaree/AP

Ein ernsthaftes Problem ist, dass Neonazis in der Ukraine starken Einfluss bekommen. Dmytro Jarosch und Andrej Biletzki haben Selenskyj und seinen Amtsvorgänger Petro Poroschenko mit dem Tod bedroht. Der Journalist der New York Times Andrew Kramer hat ausführlich darüber berichtet, welche Gefahr von diesen Leuten ausgeht. Es sind tatsächliche Nachfahren der Hitler-Kollaborateure in der Ukraine, die im Zweiten Weltkrieg kämpften. Sie wollen keinen Waffenstillstand akzeptieren. Es wäre für sie ein Verrat an den vielen Soldaten, die im Krieg umgekommen sind. Sie wollen nicht aufgeben, bis sie gewonnen haben. Sollte Selenskyj Friedensverhandlungen starten, wird er im Land in ernsthafter Gefahr sein.

Also, wie wird es ausgehen in der Ukraine: Werden wir in den nächsten Wochen schon Frieden erleben?

Ich befürchte, die Situation in der Ukraine ist so schwierig, dass Trump es schwer haben wird, einen Deal zu schließen. Das Beste, was er machen kann, ist sich so schnell wie möglich zurückzuziehen. So wie es in Afghanistan gemacht wurde. Es wäre zwar eine krachende Niederlage und die Demokraten wären außer sich. Aber man sollte die Ukrainer und Amerikaner daran erinnern, dass es Joe Biden war, der ihnen falsche Versprechen gemacht hatte. Er wusste, dass die Ukraine Russland nicht besiegen kann. Er forderte Selenskyj auf, nicht mit Russland zu verhandeln, sondern Frühjahrs-, Sommer- und Herbstoffensiven zu starten, die allesamt fehlschlugen.

Es bestehen aber auch noch einige Zweifel, ob Trump überhaupt Frieden mit Russland sucht. Schließlich hat er viele Falken für seine Regierungsmannschaft ausgewählt. Und er ist nicht in der Position, irgendwelche Forderungen an Moskau zu stellen. Bei der derzeitigen militärischen Lage kann Putin die Grenzlinie so ziemlich überall dort ziehen, wo er es will. Die Frage ist, ob er nach Charkiw und Odessa ausgreifen wird, oder ob er sich nur die Oblasten einverleiben wird, die er bereits unter Kontrolle hält. Das optimistische Szenario wäre ein Abkommen, das den Konflikt einfriert und die Grenze dort zieht, wo sie derzeit verläuft.

 


AUTEUR
Scott Horton (geb. 1976) ist ein amerikanischer Radiomoderator und Autor. Er moderiert die Sendung Antiwar Radio und ist Gastgeber des Podcasts The Scott Horton Show. Außerdem ist er Gründer des Libertarian Institute. Zuletzt ist von Horton das Buch „Provoked. How Washington started the New Cold War with Russia and the catastrophe in Ukraine“ erschienen.


BRON
Berliner Zeitung – 09 december 2024


 

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