Amira Hass

Amira Hass


 

“HAMAS HAT ZIELE NICHT ERREICHT, ISRAELISCHE RECHTE IST GESTÄRKT”

Die Haaretz-Korrespondentin Amira Hass analysiert das Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas, die israelische Innenpolitik und die Zukunftsperspektiven für die Menschen in Gaza.
 

Hanno Hauenstein

 

Rafah, hier im Februar 2024: Gaza ist fast komplett zerstört, die Zahlen der Verletzten und Getöteten hoch

Amira Hass ist eine der bekanntesten israelischen Journalistinnen. Wir sprachen mit ihr, als die Nachricht von einem beschlossenen Waffenstillstandsabkommen bereits öffentlich wurde, aber noch bevor die ersten israelischen Geiseln dann tatsächlich am Sonntag von der Hamas freigelassen wurden.


Frau Hass, der Fahrplan des nunmehr in Kraft getretenen Waffenstillstandsabkommens erinnert sehr stark an frühere Entwürfe, die Benjamin Netanyahu immer wieder gezielt verzögert hat. Sehen Sie in der aktuellen Entwicklung einen Strategiewechsel Netanyahus?
Trump hat Netanyahu gezwungen, dem Waffenstillstand zuzustimmen. Sein Einfluss auf Netanyahu ist weitaus größer als der von Biden. Einige würden sagen, dass Biden Israels genozidalen Krieg sehr viel klarer unterstützt hat. Ich glaube nicht, dass Biden sich wirklich bemüht hat, einen Waffenstillstand voranzutreiben. Gleichzeitig ist auch die israelische Armee alarmiert. Immer mehr Soldaten sterben in Gaza, die Truppen sind erschöpft, die Armee überfordert – mit Operationen in Syrien, im Libanon und im Westjordanland, wo die israelische Repression, das Töten und die Gewalt gegen die palästinensische Bevölkerung intensiviert worden sind. Ich glaube nicht, dass es Bilder aus Gaza sind, die die israelische Regierung oder die Mehrheit der Israelis zum Nachdenken bewegen.
 
Sie leben und arbeiten in Palästina – nahe Ramallah. Wie blicken palästinensische Menschen außerhalb Gazas dieser Tage auf Hamas und das Abkommen?
Viele haben das Gefühl, dass Hamas die Ehre der Palästinenser:innen wiederhergestellt hat. Solche Wahrnehmungen lassen sich schwer verallgemeinern, das hängt stark davon ab, mit wem man redet. Unter den Menschen, die ich hier kenne, und basierend auf dem, was ich auf Facebook lese, herrscht durchaus das Gefühl, dass Hamas etwas erreicht hat. In Gaza selbst gibt es zunehmend mehr Kritik. Dort sprechen viele eher von einer Niederlage anstatt von Ehre. Was die Menschen in Gaza in den letzten 15 Monaten durchlebt haben, ist eine zweite Nakba – vielleicht sogar noch schlimmer als die erste Nakba von 1948.
 
Würden Sie sagen, dass Hamas ihre militärischen Ziele erreicht hat?
Hamas verfolgte am 7. Oktober 2023 drei Hauptziele: die Invasionen der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu stoppen, die Freilassung palästinensischer Gefangener zu erreichen und Angriffe von Siedlern im Westjordanland zu verhindern. Im Grunde bescheidene Ziele – weit entfernt von einer Forderung nach Verhandlungen über einen palästinensischen Staat. Von diesen Zielen wurde lediglich bei der Freilassung der Gefangenen ein gewisser Fortschritt erzielt. Und selbst da weigerte sich Israel, zentrale politische Figuren wie Marwan Barghuthi und Ahmed Saadat freizulassen. In Gaza stellt sich daher die Frage, ob der Preis – das enorme Leid und die fast komplette Zerstörung Gazas – gerechtfertigt war. Das müssen Palästinenser:innen selbst beurteilen. Fakt ist, dass die Ziele insgesamt nicht erreicht wurden. Die extreme Rechte in Israel hat ihre Präsenz an der Al-Aqsa-Moschee verstärkt. Die Angriffe von Siedlern im Westjordanland haben zugenommen.
 
Wie bewerten Sie selbst denn die letzten 15 Monate?
Wenn man Israel – wie es viele palästinensische Akademiker:innen und Aktivist:innen weltweit tun – als siedlerkoloniales Gebilde analysiert, und ich denke, das ist eine solide Analyse, dann muss man sagen: Dieses Projekt wurde gestärkt. Gaza ist komplett zerstört. Die Menschen dort wurden um Jahrzehnte zurückgeworfen. Es wird vielleicht 70 bis 80 Jahre dauern, bis sie Gaza wieder aufbauen können. Vielleicht verschwindet das siedlerkoloniale Projekt in 200 Jahren, vielleicht nicht. Aber momentan hat sich die Position der Palästinenser:innen nicht verbessert. Was sich womöglich verbessert hat, ist das Prestige der Hamas, außerhalb Gazas. Doch auch die israelische Rechte präsentiert die Ereignisse in Gaza als Sieg.
 
Inwiefern?
Die Hisbollah wurde gelähmt. In Syrien hat sich eine historische Veränderung vollzogen, die durch die Ereignisse in Gaza ins Rollen gebracht wurde. All das ist Teil einer Kette von Entwicklungen, die nach dem 7. Oktober ihren Lauf genommen haben. Zwar wurde Hamas nicht besiegt, aber Gaza liegt in Trümmern, und unzählige Palästinenser:innen wurden vertrieben oder sind geflohen.
 
Auch die schleichende Annexion des Westjordanlands wurde nach dem 7. Oktober 2023 beschleunigt. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Klar ist, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) politisch nicht in der Lage ist, für das palästinensische Volk einzustehen. Sie hat sich auf formelle Erklärungen, begrenzte materielle und medizinische Hilfe beschränkt. Vor Ort wird die PA nicht ernst genommen und als verlängerter Arm Israels betrachtet. Politisch ist sie extrem schwach. Die Politik im Westjordanland ist sehr stark fragmentiert. In diesem Zustand ist sie kaum in der Lage, den Expansionsplänen der israelischen Regierung etwas entgegenzusetzen.

 

Amira Hass: „Die israelische Bevölkerung weiß kaum, was die Armee tatsächlich tut“
Foto: Anir Levy/Getty Images

Sie sind als ausgesprochene Kritikerin der israelischen Berichterstattung über die Besatzung bekannt. Hat sich die Berichterstattung in den letzten Monaten etwas verbessert?
Die Medien hier berichten heute minimal mehr über die physische Zerstörung in Gaza, aber nur in sehr begrenztem Umfang und nicht annähernd im Verhältnis zum Ausmaß der Zerstörung. Die Katastrophe wird nicht humanisiert – es werden keine Beispiele für getötete Menschen genannt und auch keine echten Geschichten erzählt. Die israelische Bevölkerung weiß kaum, was die Armee tatsächlich tut. Das Entscheidende ist aber: Sie wollen es nicht wissen. Wenn Informationen durchdringen, werden sie als Hamas-Propaganda abgetan. Die allgemeine Haltung bleibt, dass jeder in Gaza ein potenzieller Mörder oder Vergewaltiger ist. Früher oder später, glaube ich, wird sich die israelische Gesellschaft mit der Realität dieses genozidalen Kriegs und den dort begangenen Gräueltaten auseinandersetzen müssen.
 
Die Rechte in Israel hat in den letzten Monaten die Zwangsvertreibung und Umsiedlung des nördlichen Gazastreifens offen gefordert und umgesetzt. Ist der Rückzug des Militärs, wie es die Waffenstillstandsvereinbarung vorsieht, überhaupt realistisch?
Laut Vereinbarung sollen Palästinenser:innen in den Norden Gazas zurückkehren dürfen, doch es bleibt unklar, wie und wann. Der Plan der israelischen Rechten, dort jüdische Siedlungen zu errichten, scheint vorerst gescheitert zu sein. Das ist ein Vorhaben, das international für Unruhe gesorgt hat, selbst in Ländern wie Deutschland, das den genozidalen Krieg von Beginn an unterstützt hat. Aber zur Realität gehört auch, dass die ethnische Säuberung dort bereits stattgefunden hat. Zwischen 120.000 und 200.000 Menschen sind geflohen, viele von ihnen befinden sich mittlerweile in Ägypten. Noch viel mehr Menschen wollen Gaza gänzlich verlassen.
 
Wie haben sich die letzten 15 Monate auf Sie persönlich ausgewirkt?
Die aktuelle Situation erinnert mich an die Zeit der Selbstmordattentate während der zweiten Intifada. Damals sagten wir auf der Linken Dinge, die der Mainstream nicht hören wollte. Die Mehrheit vertraute blind der Armee und ignorierte Berichte, die ein anderes Bild zeichneten. Es dauerte lange, bis Menschen erkannten, dass unsere Berichte über Israels Vorgehen im Westjordanland solide waren. Was die letzten Monate betrifft: Ich selbst war ja keine Augenzeugin – ich war nicht in Gaza –, aber ich vertraue den Menschen, die ich dort kenne. Und meiner Erfahrung, die ich über die Jahre gesammelt habe.
 

Wie blicken Sie auf den 7. Oktober 2023?
Ich möchte das Leid der israelischen Zivilist:innen, die an diesem Tag angegriffen wurden, keinesfalls minimieren – auch das ist sehr real. Gleichzeitig empfinde ich es als unglaublich frustrierend, denn ich und viele andere haben jahrelang davor gewarnt, dass die anormale Normalität der Besatzung nicht einfach ewig bestehen bleiben kann. Doch für die allermeisten Menschen in Israel wirkten diese Warnungen belanglos und leer, weil sie sich an das Leben neben der Besatzung gewöhnt hatten.
 
Was wäre Ihrer Meinung nach das beste Ergebnis dieses Waffenstillstandsabkommens?
Das beste Ergebnis wäre, wenn die zweite Phase erreicht würde: ein vollständiger Rückzug Israels im Austausch für die verbleibenden Geiseln und ein Ende des Krieges. Aber aktuell wissen wir ja nicht einmal, wie viele dieser Geiseln noch am Leben sind. Bezalel Smotrich hat schon angekündigt, dass er die Regierung nicht verlassen wird, da ihm Garantien gegeben worden seien, dass der Krieg nach der ersten Phase des Abkommens fortgesetzt werden kann. Insofern sehe ich im Moment nur wenig Raum für Optimismus.
 
Was glauben Sie – wenn Oppositionsführer Yair Lapid und seine Verbündeten in Israel heute an der Macht wären – wären wir heute an einem anderen Punkt?
Wenn der 7. Oktober unter Lapid als Premier passiert wäre, hätte die rechte Opposition so eine Regierung vermutlich sofort gestürzt oder eine Einheitsregierung durchgesetzt. In vielerlei Hinsicht ist die liberale Opposition in Israel genauso problematisch wie die aktuelle Führung. Viele ihrer Vertreter:innen unterstützten zwar die Proteste gegen die Regierung, stehen militärisch aber voll und ganz hinter den Luftangriffen auf Gaza, dem genozidalen Krieg. Was das Ausmaß der Zerstörung betrifft, glaube ich nicht, dass es große Unterschiede gegeben hätte. Der einzige spürbare Unterschied wäre vermutlich, dass sich so eine Regierung nicht so lange an der Macht hätte halten können.

 


AUTEUR
Amira Hass ist eine der bekanntesten israelischen Journalistinnen, sie arbeitet seit 1989 als Korrespondentin für die links-liberale Tageszeitung Haaretz und berichtet vor allem aus dem Westjordanland.


BRON
der Freitag – 20 januari 2025


 

 

Uitgelicht: bron

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