Angriff französischer Husaren bei Möckern im heutigen Sachsen-Anhalt am 5. April 1813
DEN KRIEG VERSTEHEN
Marx, Engels und Lenin lesen Carl von Clausewitz’ »Vom Kriege«
Kai Köhler
Wie können, wie sollen sich Linke mit Fragen von Militär und Krieg befassen? Die erste, einfachste und verständliche Reaktion ist Abwehr. Wenn Gewalt eingesetzt wird und Tote daliegen, ist etwas schiefgelaufen. Unmittelbar einsichtig ist eine linke Friedenswissenschaft, die sich zwei Fragen widmet: Wie verhindert man, dass es zu diesem Leid kommt? Und, falls dies gescheitert ist: Wie löst man den Konflikt? Kurzfristig hin zu einem Waffenstillstand oder besser noch einem Friedensschluss; längerfristig zu einem Miteinander der einstigen Feinde, das mehr ist als ein grimmiges Abwarten der günstigen Gelegenheit, den notgedrungen akzeptierten Kompromiss zugunsten der eigenen Seite zu verschieben.
Antworten auf diese Fragen sind wichtig, doch genügen sie nicht. Sozialistische Staaten mussten und müssen sich verteidigen – dass sie eine Militärwissenschaft benötigen, ist nachvollziehbar. Doch wie steht es um Linke in imperialistischen Ländern, die ihre Truppen nur sehr ausnahmsweise zu fortschrittlichen Zwecken einsetzen?
Drei Aspekte
Kriegswissenschaft hat, mindestens, drei Aspekte. Der erste ist historisch. Dieser ist, sofern seriös gearbeitet wird, ideologisch neutral. Zur Frage zum Beispiel, wie sich die Kriegführung um 1800 mit der Französischen Revolution und dann den napoleonischen Feldzügen geändert hat, wird ein bürgerlicher Historiker zu ähnlichen Ergebnissen kommen wie ein sozialistischer; und tatsächlich gibt es keine grundsätzliche Differenz zwischen dem, was Friedrich Engels zum Thema schrieb, und dem heutigen Forschungsstand.
Der zweite Aspekt ist ein handwerklicher. Er ist geschichtlich, nach dem Stand der Waffentechnik, wandelbar, dabei ebenfalls ideologisch neutral. Gute Spezialisten der chinesischen Volksbefreiungsarmee, die Chancen und Risiken der Küstenverteidigung 2022 analysieren, müssten auf ähnliche Gedanken kommen wie ein US-Fachmann, der Angriffspläne entwirft.
Was geht das die deutsche Linke an, der gegenwärtig jegliche Machtmittel fehlen? Hier kommt der dritte Aspekt zum Tragen, der politische. Zum einen sollte sie das Verhalten ausgebildeter Gewaltspezialisten, sei es in Polizei oder Bundeswehr, nicht nur verstehen und vorhersehen können. Es geht auch um die Möglichkeit, sich mit ihnen zu verständigen. Keine grundlegende Veränderung der Gesellschaft ist denkbar ohne oder gar gegen die Waffenträger in ihr. Friedrich Engels wusste, weshalb er immer wieder forderte, die Wehrpflicht so auszugestalten, dass sie möglichst alle jungen Männer erfasste; und nicht nur, muss man heute ergänzen, jene, die dem herrschenden System ohnehin zuneigen.
Zum anderen hilft militärisches Wissen dabei, Kriegspropaganda zu durchschauen. Wer eine Ahnung vom Chaos beim Hin und Her jedes Gefechts hat, wird nicht bei Fotos von einigen Leichen umstandslos an ein gezieltes Massaker glauben. Wer weiß, dass taktisch der Verteidiger den Ort seines Widerstands wählt, wird nicht beim Anblick ziviler Opfer in Mariupol umstandslos dem taktischen Angreifer die Schuld geben. Man müsste ja nicht ausgerechnet in dichtbewohntem städtischem Gebiet kämpfen.
All dies schließt Trauer um zivile Opfer ebenso wenig aus wie die Forderung, sie nach Möglichkeit zu vermeiden. Wer aber den Krieg studiert hat, wird durchschauen, wie eine sich moralisch gebende Propaganda sich sogar der Opfer bedient.
Das Hauptwerk
Als Carl von Clausewitz 1831 an derselben Choleraepidemie starb, die auch Hegel das Leben kostete, war sein militärtheoretisches Hauptwerk »Vom Kriege« keineswegs fertig. Allein der erste der acht Hauptteile, »Von der Natur des Krieges«, war abschließend bearbeitet. Die letzten Teile sind zunehmend skizzenhaft, einen Abschluss gibt es nicht. Das Vorhandene ist auch keineswegs widerspruchsfrei, was eine rege Forschungsdiskussion befördern sollte.
Umstritten ist auch, ob das Buch angesichts der kriegstechnischen Neuerungen in den 190 Jahren, die seit dem ersten Erscheinen des umfangreichen Fragments vergangen sind, überhaupt noch aktuell ist. Für zahlreiche Details trifft das sicherlich nicht zu. Ausführliche Überlegungen, wie Truppenteile zu gruppieren sind, um im entscheidenden Gefecht verfügbar zu sein, wurden nicht nur durch Eisenbahn und später Kraftfahrzeuge obsolet. Zur Veränderung der Zeitmaße tritt die des Raums: Einen Luftkrieg konnte Clausewitz noch nicht kennen.
Eine andere Frage ist, ob damit die grundsätzlichen Gedanken zu verschiedenen Formen des Krieges, zum Verhältnis von Politik und Krieg, zur Bedeutung psychologischer Faktoren, zu möglichen Zielsetzungen von Angriff und Verteidigung ebenfalls veraltet sind. Die Relektüre des Buchs im Herbst 2022, bei der sich Bezüge zum Ukraine-Krieg aufdrängen, spricht dagegen.
In »Vom Kriege« geht es nirgends um die Frage, ob Krieg gut oder schlecht sei. Für Clausewitz ist er in der Welt, und er schreibt als Praktiker für die Praxis. Zugleich schreibt er gegen ältere Militärtheoretiker, die feste Handlungsanleitungen zu liefern versprachen. Mehrfach stellt Clausewitz die Frage, ob denn überhaupt eine Wissenschaft oder eine Theorie des Krieges möglich sei, wenn doch der Feldherr zumeist auf der Grundlage unzuverlässiger, sogar widersprüchlicher Informationen entscheiden müsse. Seine Lösung besteht darin, kein festes System aufzustellen, sondern einen Zugriff zu trainieren, der auch in unübersichtlichen Lagen zu brauchbaren Entschlüssen führt. Entschlossenheit fordert Clausewitz allerdings. Zu zaudern lehnt er ab. Kräfte so zu verteilen, dass an jede Eventualität gedacht ist und keine davon für eine Entscheidung genutzt wird, ist ihm ein Graus. Wer einen klaren Schwerpunkt setzt, gewinnt einen Vorteil, zumal der Feind stets Ungewissheiten ausgesetzt ist und nicht alle eigenen Schwächen kennt.
Das ist eine Strategie der Zuspitzung. Clausewitz denkt stets an das, was er als »absoluten Krieg« bezeichnet. Im Krieg ist es Ziel, dem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen. Das bedeutet – dem Begriff nach – eine immer stärkere Entgrenzung der Gewalt. Nun weiß aber auch Clausewitz, dass in allen realen Kämpfen diese Entgrenzung mehr oder minder begrenzt blieb. Im »wirklichen Krieg«, dies der Gegensatz zum »absoluten«, geschieht nicht alles, was möglich ist – sei es aus Trägheit, aus Angst vor den Folgen, im Gedanken an ein Miteinander in der Nachkriegszeit. Mit dem Gegensatz von »absolut« und »wirklich« versucht Clausewitz zu fassen, was in den Revolutionskriegen nach 1792 und in den napoleonischen Kriegen als unzweifelhaft Neues auftrat.
Ein Leben im Krieg
Die Theorie hat einen biographischen Hintergrund. 1792 trat der erst zwölfjährige Clausewitz in die preußische Armee ein, bereits im Folgejahr nahm er an der Belagerung von Mainz teil, wo eine Republik durch französische Revolutionstruppen verteidigt wurde. Als Stabskapitän – nach heutigen Begriffen Hauptmann – erlebte er 1806 die preußische Niederlage gegen Napoleon. Kurz: Er diente in einer Armee, die sich in den Kabinettskriegen des Absolutismus bewährt hatte, in denen es weder um ideologische noch um nationale Interessen ging. Die Adelsfamilien, die Europa regierten, kämpften zwar untereinander um Macht, zielten aber nicht auf gegenseitige Vernichtung.
Die Kriege seit der Französischen Revolution wurden weitaus entschlossener geführt. Truppen nach altem Muster konnten in ihnen nicht bestehen. Nach 1807 beteiligte sich Clausewitz an der preußischen Heeresreform. Angesichts eines drohenden französisch-preußischen Pakts wechselte er Anfang 1812 in russischen Dienst und beteiligte sich 1812/13 an der Verteidigung gegen die napoleonische Invasion. Erst 1814 konnte er in die preußische Armee zurückwechseln – bald misstrauisch betrachtet als Radikaler, der einer nach Napoleons Niederlage von 1814/15 erhofften Rückkehr zu den vorrevolutionären Zuständen im Wege stand.
Dass manche gesellschaftlichen Modernisierungen unumkehrbar waren, begriffen sehr bald auch die Fürsten; dass sie diese nicht mit Demokratie verbanden, entsprach ihrem Job. Clausewitz konnte sich immerhin seit 1818 als Direktor der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin mit militärwissenschaftlichen Studien befassen. Immer wieder stellte er sich die Frage nach dem Neuen im Krieg und angemessenen – oder unangemessenen – Reaktionen darauf. Die Schrift »Nachrichten über Preußen in seiner größten Katastrophe« (1823/24) ist nur einer der Versuche, die Niederlage von 1806 gegen Napoleon aufzuarbeiten.
Auch in »Vom Kriege« ist dieser Versuch keineswegs abgeschlossen. In manchen Passagen legt Clausewitz nahe, dass die Tendenz zum absoluten Krieg unumkehrbar ist. Andere Sätze legen nahe, dass auch künftig im wirklichen Krieg Begrenzungen wirken.
Sehr viel weiter sind wir in dieser Hinsicht nach knapp zwei Jahrhunderten auch nicht. Ja, Kriege werden, anders als im 18. Jahrhundert, national oder ideologisch begründet, damit emotional aufgeladen, was eine Steigerung von Hass und Gewalt nahelegt. Aber nein, die äußersten Mittel werden kaum je angewandt. Die letzte Atombombe wurde vor gut 77 Jahren eingesetzt. Der zentrale Widerspruch, den Clausewitz entwickelt, ist nach wie vor wirksam.
Engels und Marx
Freilich behandelt Clauswitz nur den Staatenkrieg (und dabei, er ist nun mal kein Engländer, den Landkrieg). Über Revolutionen schreibt er nichts, obwohl er vor Mainz lag. Doch müssen Revolutionäre an die Möglichkeit des Kriegs denken.
Karl Marx befasste sich denn auch regelmäßig mit militärischen Fragen. Spezialist dafür war allerdings Friedrich Engels, der den Spitznamen »General« nicht nur deswegen trug, weil er in den badischen Revolutionskämpfen 1849 Gefechtserfahrungen gemacht hatte. Engels hatte die Bedeutung des Themas erkannt und seit 1851 systematisch militärwissenschaftliche Schriften studiert. Zusammen mit Marx kommentierte er die Kriege der folgenden zwei Jahrzehnte in zahlreichen Artikeln. Die Arbeiten zum Krimkrieg (1853–1856), zum zweiten italienischen Unabhängigkeitskrieg (1859), zum US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) und zum Deutsch-französischen Krieg (1870/71) sind Musterbeispiele dafür, wie man auf der Grundlage fachlichen Wissens auch bei lückenhaftem Informationsstand zu brauchbaren Lageeinschätzungen gelangen kann. Ähnliches fehlt heute schmerzlich. Zusätzlich zu den der Aktualität geschuldeten Artikeln verfasste Engels grundlegende militärische Handbuch- und Lexikonbeiträge sowie Überblicksdarstellungen zu den Stärken und Schwächen der wichtigsten Armeen Europas.
Marx wie Engels haben Clausewitz gelesen; konkrete Übernahmen sind indessen schwer nachzuweisen. Die früheste briefliche Äußerung Engels’ klingt eher distanziert. Am 12. April 1853 schrieb er an Joseph Wedemeyer: »das Naturgenie Clausewitz will mir trotz mancher hübschen Sachen nicht recht zusagen.« Knapp fünf Jahre später, am 7. Januar 1858, heißt es an Marx: »Ich lese jetzt u. a. Clausewitz, Vom Kriege. Sonderbare Art zu philosophieren, der Sache nach aber sehr gut.« Für die Freunde ist Ökonomie zentral, und so hebt Engels die Parallele Krieg – Handel hervor, die sich bei Clausewitz mehrfach findet. So heißt es bei Clausewitz, der Krieg lasse sich »mit dem Handel vergleichen, der auch ein Konflikt menschlicher Interessen und Tätigkeiten ist, und viel näher steht ihm die Politik, die ihrerseits wieder als eine Art Handel in größerem Maßstabe angesehen werden kann.«1
Marx antwortet am 11. Januar 1858: »Den Clausewitz habe ich bei Gelegenheit des Blücher etwas im allgemeinen durchstöbert. Der Kerl hat einen common sense, der an Witz grenzt.«2 »Blücher« meint den Artikel, den Marx 1857 für die New American Cyclopædia schrieb. Als sich Marx mit dem General der antinapoleonischen Kriege befasste, exzerpierte er Clausewitz’ Beschreibungen der Feldzüge von 1812 bis 1815. Ob er das Hauptwerk »Vom Kriege« zur Kenntnis genommen hat, ist nicht sicher.
Klar ist jedenfalls, dass sich Marx und Engels nicht brieflich über militärische Einzelheiten austauschten, die Clausewitz herausgearbeitet hatte, sondern über dessen Methode, die Wirklichkeit des Krieges zu erfassen. Nun finden sich auch inhaltliche Parallelen zwischen »Vom Kriege« und ihren Überlegungen. Dabei ist nicht immer einfach zu unterscheiden, was Ergebnis der Clausewitz-Lektüre ist und was seit 1792 zu verbreitetem Wissen geworden war. Parallelen ergeben sich insbesondere in drei Punkten.
Erstens muss der Angreifer die Entscheidung suchen. Auf feindlichem Gebiet verliert er Kräfte; ohnehin ist nach Clausewitz die Verteidigung die stärkere Form der Kriegführung. Bereits in dem Artikel »Revolution und Konterrevolution« (1851/52), formulierte Engels einen entsprechenden Gedanken mit Blick auf einen Aufstand: »hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handele man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands; er ist verloren, noch bevor er sich mit dem Feinde gemessen hat.«
Überhaupt bevorzugt Engels als Militärtheoretiker – mehr als Clausewitz – die Offensive. Aus dem Faktor Zeit ergeben sich zweitens, mit Clausewitz, Folgen für den Raum. Ziel ist die Vernichtung der feindlichen Hauptmacht. Dabei meint »Vernichtung« keinen Massenmord und auch nicht das, was man seit dem Zweiten Weltkrieg als »Vernichtungskrieg« benennt. Vielmehr geht es darum, die feindliche Macht so zu schlagen, dass sie militärisch nicht mehr handlungsfähig ist. Das verlangt eine Konzentration der Kräfte. Für Nebenzwecke eine Teilarmee hierhin, für alle Eventualitäten eine Division dorthin abzuordern, ist ein Fehler. Die Hauptmacht muss dem Hauptzweck dienen, und jede Schwächung muss wohlbegründet sein.
Drittens sieht Engels, wie Clausewitz, Volksaufstand und Guerillakrieg nur als Unterstützung der regulären Armee. Beide sind keine Vorläufer von Mao Zedong, Fidel Castro oder Che Guevara. 1853, in der Anfangsphase des Krimkriegs, schreibt Engels: »Die Unterstützung durch eine reguläre Armee ist heutzutage unbedingt notwendig für den Fortgang jedes irregulären Krieges oder Insurrektionskriegs gegen eine mächtige reguläre Armee.«3 Das entspricht der Sicht Clausewitz’ auf den spanischen Guerillakrieg gegen die napoleonische Besatzung, der für ihn ohne die britische Armee auf der iberischen Halbinsel sinnlos gewesen wäre.
Lenin exzerpiert
Lenins Clausewitz-Studien fallen in die Zeit seines Berner Exils, vermutlich in die erste Jahreshälfte 1915. Der Erste Weltkrieg dürfte den Anlass gegeben haben, sich mit Militärtheorie zu befassen. Die umfangreichen Passagen, die Lenin aus »Vom Kriege« exzerpiert hat, belegen jedoch wenig Interesse an strategischen oder taktischen Einzelheiten.4 Viele Detailüberlegungen Clausewitz’ waren ein Jahrhundert nach den napoleonischen Kriegen veraltet. Ohnehin hat sich Lenin nie so genau in technische Fragen der Kriegführung eingearbeitet wie Engels. Seine Notizen zeigen jedoch, wie zielsicher er die politischen und ideologischen Hauptpunkte bei Clausewitz erfasste und für die eigenen, ganz anderen Zwecke nutzbar machte.
Lenin interessierte sich für moralische Faktoren im Krieg; nicht im Sinne einer möglichst opferarmen Kriegführung, sondern gefasst als Kampfbereitschaft. Mit Clausewitz hebt er die Kühnheit als »Kraft des Gemüts« hervor. Er exzerpiert: »Dass bei einem gleichen Grade von Einsicht im Kriege tausendmal mehr verdorben wird durch Ängstlichkeit als durch Kühnheit, das brauchen wir wohl nur auszusprechen, um des Beifalls unserer Leser gewiss zu sein.«
Zur Gefühlswelt des Krieges gehört auch der Hass. Clausewitz schreibt, und Lenin notiert sich, dass Nationalhass »auch bei unsern Kriegen selten fehlt«. Was um 1830 noch neu war, ist 1915 selbstverständlich geworden. Lenin schreibt an den Rand: »nur ›selten‹??« Er weiß, dass die Kriege, mit denen er es zu tun haben wird, kein zurückhaltendes Abmessen der Kräfte sind, wie es zwischen absolutistischen Staaten statt hatte, sondern ein durch Ideologie beförderter Vernichtungskampf. Die Historizität des Krieges, seine Wandelbarkeit je nach politischem Umfeld, ist ein weiterer Schwerpunkt der Exzerpte.
Das betrifft unmittelbar das Verhältnis von Krieg und Politik, das Clausewitz mehrfach abgewandelt formuliert hat. Lenin schreibt mehrere dieser Wendungen ab. Die wohl bekannteste lautet: »Der Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel.«
Dies ist als Bagatellisierung des Krieges und damit als seine Rechtfertigung verstanden worden. Doch zunächst handelt es sich um eine Aussage über die Realität. Zumindest bis heute ist Krieg eines der Mittel, politische Interessen durchzusetzen.
Zweitens macht die Erkenntnis strategische Entscheidungen verständlich, die unter allein militärischen Gesichtspunkten fragwürdig wären, sich aber durch politische Ziele und Rahmenbedingungen erklären lassen.
Drittens verweist der Satz auf geschichtliche Veränderungen. Krieg und Kriegsziele absolutistischer Fürsten waren andere als die von Nationalstaaten, die imperialistische Ziele verfolgten. Letzteres verlangt eine größere Mobilisierung der Kräfte. Es geht nicht mehr ohne das Volk, das freilich damit an Bedeutung gewinnt.
Der demokratisierte Krieg ist keineswegs harmloser. In einer Notiz in seinem Exzerptheft wendet sich Lenin gegen die Illusion, die Politik sei friedlich und der Krieg brutal. Vielmehr schreibt er ab: Je mehr die Kriege »das ganze Dasein der Völker umfassen«, desto »reiner kriegerisch, weniger politisch, scheint der Krieg zu sein.«
»Scheint«: denn alle Formen des Krieges sind politisch bestimmt. Wenn Lenin in den Folgejahren den Satz, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, immer wieder zitiert, nimmt er freilich unter der Hand eine entscheidende Verschiebung vor. In dem Vortrag »Krieg und Revolution« vom Mai 1917 ist er noch ganz bei Clausewitz’ Darlegungen über die Tendenz zum absoluten Krieg seit der Französischen Revolution, wenn er sagt: »Alle Kriege sind untrennbar von den politischen Systemen, die sie erzeugen.« Doch fährt Lenin fort: »Die Politik, die ein gegebener Staat, eine gegebene Klasse innerhalb des Staats, lange Zeit verfolgt haben, bevor der Krieg unvermeidbar wurde, setzt dieselbe Klasse unvermeidbar während des Krieges fort, wobei sich allein die Form der Handlung geändert hat.«
Clausewitz beklagt zwar, dass gerade unter den Wohlhabenden die Neigung zu einem antinapoleonischen Volkskrieg gering sei. Doch kommt seine Konzeption des Zusammenhangs von Politik und Krieg ohne Klassenanalyse aus. Für ihn ist Krieg stets ein Krieg zwischen Staaten. Außenpolitik wird durch Innenpolitik gehemmt oder gefördert, doch hat die letztere in seiner Theorie keinen eigenen Stellenwert. Durch Lenins Verschiebung wird es möglich, die Lehren aus dem Staatenkrieg für den Bürgerkrieg nutzbar zu machen.
Der defensive Angriff
Denn Lenin ist zwar Gegner des Krieges zwischen imperialistischen Mächten, jedoch kein Gegner von Kriegen überhaupt. In »Das Militärprogramm der proletarischen Revolution« 1916 wendet er sich gegen eine allgemeine Entwaffnung. Vielmehr fordert er die Bewaffnung des Proletariats und sieht auch bereits die Möglichkeit voraus, dass ein revolutionärer Staat einen Staatenkrieg gegen die noch kapitalistische Umgebung führen muss. Hier stellt sich die technisch und propagandistisch wichtige Frage danach, wer Angreifer und wer Verteidiger ist.
In Lenins Clausewitz-Exzerptheft findet sich abschließend das einzige Zitat, das nicht »Vom Kriege« entnommen ist, sondern den Notaten, die Clausewitz für den Unterricht des preußischen Kronprinzen anfertigte. »Politisch heißt Verteidigungskrieg ein solcher, den man für seine Unabhängigkeit führt; strategisch heißt Verteidigungskrieg derjenige Feldzug, in welchem ich mich beschränke, den Feind in dem Kriegstheater zu bekämpfen, das ich mir für diesen Zweck zubereitet habe. Ob in diesem Kriegstheater ich die Schlachten offensiv oder defensiv liefere, ändert darin nichts.«
Hier entwirft Lenin die Möglichkeit nationaler Befreiungskriege. Der von Clausewitz gewollte gegen den napoleonischen Fortschritt mag reaktionär gewesen sein. Für das 20. und auch das 21. Jahrhundert bleibt dies ein wichtiger Gedanke. Auch in »Vom Kriege« formuliert Clausewitz immer wieder, dass die strategische Defensive nicht nur taktisch offensive Momente einschließt, sondern stets auf die Gelegenheit zielt, selbst offensiv zu werden. Dies auf die Ebene der Politik gebracht bedeutet, die kindisch am Völkerrecht klebende Frage, wer denn den ersten Schuss abgegeben habe, zu überwinden. Als Verteidiger wird erkannt, wer zum Krieg legitimiert ist – in Lenins Aktualisierung ist das stets diejenige Seite, die gegen Kolonialismus und Imperialismus, für eine vernünftige Ordnung der Welt kämpft.
Partisanen
Und die Guerilla? Bereits 1906 hatte Lenin einen Artikel unter dem Titel »Der Partisanenkrieg« veröffentlicht. In dem Text betonte er, dass der bewaffnete Kampf nicht unter allen Umständen abzulehnen sei. Vielmehr gehe es darum, die je konkreten Bedingungen zu analysieren und auf dieser Grundlage zu entscheiden, welche Formen des Kampfes nützlich seien.
1906 zählte Lenin den Partisanenkrieg in bestimmten Gebieten Russlands zu diesen Formen. Doch schaut man sich an, was er konkret benannte, so sieht man, dass er unterhalb der Ebene einer Kriegführung blieb. »Expropriationen« (Banküberfälle zum Beispiel) wie auch die »Tötung einzelner Personen«, etwa aus dem Repressionsapparat und von anderen Handlangern des zaristischen Regimes, können zu einem Bürgerkrieg führen, müssen dies aber nicht. Auch wenn Lenin solche Aktionen vom Standpunkt einer »militärischen Zweckmäßigkeit« beurteilt wissen will, kann auf dieser Ebene von Krieg noch nicht die Rede sein.
Als solcher ist erst der russische Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution zu werten. Hier aber hatten sich die Fronten geändert: Die Bolschewiki hatten im Oktober die Staatsmacht erobert und verteidigten sie gegen die Konterrevolution. Damit fand ein Konflikt regulärer Armeen statt, und Guerillaaktionen waren – wie in Clausewitz’ Spanien und Engels’ Kaukasus – Begleiterscheinungen. Auch konnte bis dahin der Kleine Krieg die imperialistische Kolonialisierung nirgends auf der Welt verhindern. Erst während des Zweiten Weltkriegs, der die Kolonialmächte schwächte, begann sein Aufstieg.
All das ist Kriegsgeschichte. Wer sich mit ihr beschäftigt, muss kein Fanatiker des Tötens sein. Man lernt aus ihr die spezifische Logik des militärischen Konflikts. Was Clausewitz konkret über Zeit und Raum schrieb, ist veraltet. Seit gut 150 Jahren werden Truppen durch Eisenbahnen verlegt, seit gut 100 Jahren ist die Luft zum Kriegsraum geworden, seit gut einem Jahrzehnt ist durch Drohnen und Cyberattacken die Vorwarnzeit auf nahezu Null geschrumpft. Aber man kann mit Clausewitz ein pragmatisches Begreifen des Krieges trainieren, ohne das es künftig nicht gehen wird.
ANMERKUNGEN
1. Marx-Engels Werke (MEW), Bd. 28, S. 577 u. MEW 29, 252
2. MEW 29, 256
3. MEW 9, 445
4. W. I. Lenin: Clausewitz’ Werk »Vom Kriege«. Auszüge und Randglossen. Mit Vorwort und Anmerkungen von Otto Braun, Berlin (Ost) 1957
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junge Welt – 3 januari 2023
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