In Nederland vormde het steeds een kosteloos vijgenblad, die geuite liefde voor joden. Van links tot rechts zei men het antisemitisme te verachten, terwijl het steeds onuitgesproken maar virulent aanwezig was. Na 1973 werd dat glashelder tijdens de oliecrisis. Uiteindelijk verkeerde dit antisemitisme in “filosemitisme” als dekmantel voor fascisme.
En wat betekende ooit klassenstrijd in dit land? Niets… We zijn immers geboren oranjeklanten en antirevolutionairen.
Antisemitismus in linken Bewegungen
INZWISCHEN IST ES KALT GEWORDEN
Unser Autor versteht sich als links und jüdisch. Doch bei der deutschen Linken ist diese Positionierung nicht widerspruchsfrei und ohne Enttäuschungen zu haben.
Monty Ott
“Inzwischen ist es kalt geworden”, denke ich, während mein kondensierender Atem neblig gegen das Klingelschild prallt. Es ist Dezember, die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt. Nicht nur das Wetter ist umgeschlagen. Deutschland und seine Gesellschaft, da gibt es diese besondere Kälte.
Der Türöffner funktioniert nicht. “Der Abholdienst ist auf dem Weg”, lacht mir eine Freundin über die Gegensprechanlage ins Ohr, ehe sie die Treppe runterkommt, um mir aufzumachen. Es ist Schabbat. Wir, eine zusammengewürfelte Tischgemeinschaft Wahlberliner Jüdinnen, treffen uns zum Essen. So unterschiedlich wie die Ecken der Republik, aus denen wir unseren Weg in die Stadt und schließlich an diesen Tisch gefunden haben, sind wir selbst auch: politisch, familiär, beruflich, religiös. Wir sind alle Mitte 20 und Anfang 30 und in unterschiedlichen Zusammenhängen aktivistisch und sozial engagiert. Eine Flasche polnischer Walnusswodka (den ich auf Anraten der Gastgeberin aus Krakau mitgebracht habe) und eine Flasche Arak liegen im Eisfach. Dazu viel israelischer Wein, weiß und rot. Jede Menge Töpfe stehen auf dem Herd. Auf einem Sideboard stehen Schalen, deren Inhalt auf intensive Stunden in der erhitzten Küche hindeutet: Salate, Hummus, Essiggurken, Baba Ghanoush, Tzimmes. Wir setzen uns. Die Challa kommt frisch aus dem Ofen auf den Tisch. Sie ist noch warm, als wir eine kleine Decke über sie legen. Es sitzen Menschen in der Runde, die ich sehr gut kenne, und andere, die mir heute zum ersten Mal begegnen. Wir zünden die zwei Schabbat-Kerzen und sprechen den Segen. Und das war es dann auch schon mit religiösem Zeremoniell.
Wir verteilen die Challa und füllen die Teller mit den unterschiedlichen Dips. Es wird hungrig zugeschlagen und mit dem Tischgespräch beginnt auch eine Art rhetorischer Tanz. Zu Beginn des Abends tasten wir die Positionen, die Meinungen, die Weltbilder der anderen noch vorsichtig ab. Abwechselnd erzählen wir aus unserem Alltag, aber auch von unseren Familien, von jüdischen Gemeinden und Jugendorganisationen, wie auch den politischen Zusammenhängen, in denen wir unser bisheriges Leben verbracht haben. Bald ist eine Selbstverständlichkeit und irgendwie etwas Familiäres darin, wie wir miteinander sprechen, obwohl wir uns zum Teil kaum kennen. Die Flaschen Wein leeren sich immer schneller und zwischendrin wird immer wieder angestoßen.
Wir wandern vom Tisch auf den Boden. In der Mitte stehen jetzt Essiggurken. Um sie herum sitzen wir im Kreis, leicht beschwipst. Der Walnusswodka entfaltet seine ganze wohlig warme Wirkung. Als die Flasche leer ist, wechseln wir zum israelischen Nationalgetränk: dem Anisschnaps Arak. Das Gespräch, das so vom Austausch über aktuelle Kinofilme und unsere Lieblingsmusik, Kennenlerngeschichten, die manche von uns verbinden, zu der Debatte um antisemitische Kunstwerke auf der documenta fifteen gewandert ist und von dort auch zur Bedrohung durch Rechtsterrorismus und Rechtsradikale in Parlamenten, wird nur unterbrochen von kurzen Toasts und Le’Chaims. Das Bittere im Schnaps und der Welt und das Süße liegen an diesem Abend ganz nah beieinander.
Ich weiß nicht mehr so genau, woran es lag, ob es ein konkretes Ereignis oder eine Erfahrung war, die eine von uns teilte, oder die Menge vieler kleiner Impulse. Doch ein Thema zog uns schließlich ganz und gar in seinen Strudel: das Ringen mit der politischen Heimat und dem Gefühl, sie verloren zu haben, weil wir den Widerspruch zwischen den hehren und uns so wichtigen Idealen progressiver und linker Bewegungen nicht damit zusammenbringen konnten, dass in der Wirklichkeit Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit in ihnen existieren. Wir konnten nicht verstehen, warum selbst Menschen, die sich bei vielen dieser Ideologien als sehr diskriminierungssensibel zeigen, es bei Antisemitismus zuweilen nicht sind. Wir konnten nur schwerlich begreifen, warum Juden häufig nur als mutmaßliche andere und von vielen nicht als lebendiger Teil dieser Bewegung gedacht werden können. Jüdinnen waren nur Reminiszenz der Vergangenheit, Opfer von Antisemitismus, um die man sich kümmern muss. Deshalb ist politische Heimat für uns eine beschädigte Erfahrung geworden.
So unterscheidet sie sich auch von der Art, wie Teile unserer früheren und heutigen Mitstreiter den Begriff Heimat verstehen beziehungsweise ihn pauschal ablehnen. Doch wer den Begriff einfach ablehnt, beschäftigt sich nicht damit, was es bedeutet, sie zu verlieren, oder wie Jean Améry es ausdrückte: “Heimat [müsse man] haben, um sie nicht nötig zu haben.” Dabei meinen wir nicht Heimat in einem völkisch-exklusiven Sinn, sondern ganz im Gegenteil eine ideelle Heimat im Sinne eines politischen Umfelds, das zumindest im Ideal emanzipatorische Kraft besitzt. In der Wirklichkeit allerdings, diese Erfahrung teilten wir miteinander, hatte sie uns immer wieder ausgestoßen, durch die Unfähigkeit, Antisemitismus konsequent zu begegnen. Adorno meinte, dass, wer “keine Heimat hat, dem wird wohl das Schreiben zum Wohnen”. Für uns galt, dass an diesem Abend das Sprechen zur gemeinsamen Behausung wurde.
Wir alle sind im Laufe unseres Lebens verletzt worden. Haben erlebt, wie unser Vertrauen gebrochen wurde, wie wir enttäuscht wurden, zwischenmenschlich, aber auch in unserer Hoffnung auf etwas Größeres und in dem Wunsch, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Neben diesen Verletzungen eint uns aber auch, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben wollen. Und dieser Zwiespalt fordert uns heraus. In Deutschland entsteht diese Erfahrung nicht im luftleeren Raum, sondern in einer postkolonialen und postnazistischen Gesellschaft. Diese Erfahrung ist auch keine exklusive jüdische. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse wirken in vielfältiger Hinsicht auch in linken Bewegungen. Doch statt Selbstüberprüfung sind immer wieder Immunisierungen zu hören: Innerlinke Kritik schwäche den Kampf um das große Ganze, in der Dominanzgesellschaft untergrabe diese Kritik gemeinsame Kämpfe marginalisierter Bewegungen. Der Historiker Volker Weiß sagte in einem Interview einmal, dass es der unverwechselbare Kern linker Bewegungen sei, sich den Kampf für gleiche Lebensbedingungen und “Rechtsgleichheit der Verschiedenen” auf die Fahnen geschrieben zu haben.
Doch ich frage mich, wie gemeinsame Kämpfe gelingen sollen, wenn man nicht bereit ist, den Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus oder die Queerfeindlichkeit vermeintlicher Verbündeter zu thematisieren? Wie können wir uns verbünden, wenn wir auf diskriminierungssensible Sprache achten, aber niemand einschreitet, wenn jemand von Verschwörungen raunt oder meint, dass es alle Probleme lösen würde, Kapitalisten, Banker, Manager, Politiker zu lynchen? Und wenn zugunsten des großen Ganzen geschwiegen wird, geschieht das nicht immer auf Kosten machtschwacher Gruppen, wie es Jüdinnen in Deutschland allein zahlenmäßig sind?
Und daraus ergibt sich für mich die Frage: Wo ist – und diese Frage lässt sich in Solidarität mit anderen marginalisierten Gruppen ebenfalls stellen – der Platz für die Juden, die in der Tradition eines politisch progressiven und linken Judentums stehen? Der jüdische Historiker Dan Diner sagte in einem Interview, das ich gemeinsam mit dem Autor Ruben Gerczikow für unser Buch Wir lassen uns nicht unterkriegen mit ihm geführt habe, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sich in großen Teilen als “konservativ – rechts würde ich nicht sagen –, staatstreu, staatsgläubig und so weiter versteht”.
Man kann die von Diner, der übrigens lange Zeit selbst Teil linker Kämpfe und Bewegungen war, beschriebene Verortung ohne Polemik und Wut in ihrer historischen Gewordenheit anerkennen. Sie weist uns allerdings darauf hin, wie klein die Räume für linke und progressive Jüdinnen sind: In jüdischen Räumen stellen sie aus nachvollziehbaren Gründen eine Minderheit dar. Und in nicht jüdischen linken und progressiven Räumen wird ihnen der Grund, das war zumindest unsere geteilte Wahrnehmung an diesem Abend, immer rabiater durch einen zunehmend offenen Antisemitismus entzogen. Und der kennt viele Ausdrucksformen: von der schlichten Ignoranz gegenüber der antisemitischen Gewalt, die Juden erleben, über das Raunen über machtvolle Eliten oder Kapitalisten bis hin zum Vergleich des jüdischen Staates mit dem nationalsozialistischen Deutschland.
Es ist kompliziert
In meiner politischen Sozialisation gehörte es noch fest zusammen: der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit. Zumindest erinnere ich mich an einige Gruppen, deren linkes Selbstverständnis mich in dieser Hinsicht beeindruckte. Heute erscheint mir das komplizierter. Wer antirassistisch und queerinklusiv ist, ist nicht unbedingt antisemitismuskritisch. Und wer antisemitismuskritisch ist, ist nicht unbedingt auch antirassistisch oder queerinklusiv. Und wer sich als links oder progressiv bezeichnet, muss sogar nicht unbedingt antisemitismuskritisch, antirassistisch oder queerinklusiv sein, sondern kann das alles als Nebenwidersprüche kleinreden, die vom eigentlichen Ziel ablenken. Dazu kommen Menschen, von denen sich manche als links oder progressiv bezeichnen, sich als Vorkämpferinnen gegen Antisemitismus inszenieren, aber krasse Rassisten sind, geprägt von tiefen Stereotypen vor allem gegen Muslime.
Ebenso gibt es jene, die für sich selbst in Anspruch nehmen, die antirassistische und universalistische Avantgarde zu sein, dabei aber regelmäßig an dem dünnen Ast sägen, an dem die konsequente Bekämpfung von jedem Antisemitismus in Deutschland hängt. Sie glauben, dass Deutschland sich genug mit der Shoah auseinandergesetzt habe und die Beschäftigung mit Antisemitismus zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehe oder dass Kritik an linkem Antisemitismus eine Strategie sei, die nur von Rechten bemüht werde. Die “Wiedergutwerdung der Deutschen”, wie der leider viel zu früh verstorbene Eike Geisel es nannte, ist ihnen kein Begriff. Oder sie brauchen nur einen Trigger, dann ätzt der salonfähige Antisemitismus aus ihnen selbst. Differenzierung und Streitkultur gehören zum Naturell linker Bewegungen. Sollte das nicht auch für die konsequente Begegnung von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus, Gadjé-Rassismus und Queerfeindlichkeit gelten? Es ist manchmal so kalt in Deutschland.
Ich erinnere mich, wie bei mir etwas zerbrach. Diese Erfahrung beschreiben auch einige Mitglieder der Tischgemeinschaft. Der Bruch entstand durch die Erkenntnis, dass wir uns über viele Jahre hinweg in einer politischen Linken in Deutschland engagiert hatten, die für sich selbst in Anspruch nahm, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Von dieser Position aus kämpfte sie mit der Vergangenheit. Eine Positionierung zur Vergangenheit reicht aber nicht aus, um Antisemitismus zu überwinden. Es bedarf jeder Menge mühseliger Arbeit an sich selbst im Jetzt. Antisemitismus hatte vor 1933 seinen festen Platz in linken und progressiven Denkschulen und auch nach der militärischen Niederlage Deutschlands. Er existierte sowohl in der west- als auch in der ostdeutschen Gesellschaft. Er existierte in den neuen sozialen Bewegungen wie auch in der Ideologie des DDR-Regimes. 1986 schrieb beispielsweise der jüdische Pädagoge Micha Brumlik, dass die von ihm analysierten antisemitischen Tendenzen im Bereich von Friedens-, Frauen-, Ökobewegung und Neuem Patriotismus keine zufälligen Entgleisungen darstellen würden, sondern dass es sich “um eine systematisch rekonstruierbare Weltanschauung” handelt.
Antisemitismus bleibt nie ohne Folgen, weil er eine kognitive und emotionale Weltanschauung ist, deren Zweck die Vernichtung des Jüdischen ist. Und alle, die sich an dieser Denkgemeinschaft beteiligen, haben ihren Anteil daran, wenn es zum (Massen-)Mord kommt. Es gibt zwar einige Linke und Progressive, die sich diesem Problem stellen und jeden Ausdruck des Antisemitismus konsequent benennen und bekämpfen, ganz gleich, welche politische Couleur er hat. Doch sie stehen mit ihrer Bildungsarbeit vor einer indifferenten Mehrheit, die es sich, wie Judith Coffey und Vivien Laumann das nennen, in der “gojischen Komfortzone” gemütlich gemacht hat. Sie schreiben in ihrem Buch Gojnormativität, dass es, wenn “Leute, die sich als progressiv verstehen, sich der Auseinandersetzung mit Antisemitismus verweigern”, zwei Möglichkeiten gebe: “Entweder sie positionieren sich bewusst und absichtlich antisemitisch.” Oder sie sind in dieser Zone, “weil ihnen ‘das alles zu kompliziert’ ist”.
Im Alltag bedeutet das: Antisemitismus scheint für viele Linke und Progressive kein vordringliches Problem zu sein. Sie haben eine abstrakte antiantisemitische Haltung. Sie verurteilen ihn moralisch. Aber er findet für sie vor allem am entfernten rechten Rand der Gesellschaft oder in der noch weiter entfernten Vergangenheit statt. Er sei eines von vielen Problemen. Dessen Verwobenheit erkennen sie gar nicht, weil sie kein Verständnis davon mitbringen, um was es sich überhaupt handelt. Und viele von ihnen sind verunsichert. Denn da gibt es noch eine laute und aggressive Minderheit. Sie behauptet, dass Kritik an Antisemitismus nur von sogenannten Antideutschen komme. Sie behauptet, dass das Gedenken der Shoah das Gedenken kolonialer Genozide verdränge. Und sie behauptet auch, dass die Kritik an Antisemitismus ein politisches Werkzeug sei, mit dem machtvolle Gruppen linke und marginalisierte Stimmen mundtot machen. Und stehen wir nicht immer auf der Seite der Schwächeren?
Das alles kommt einigen gelegen: Zu Recht können sie verurteilen, wenn sich hinter dieser Kritik eine rassistische Motivation verbirgt. Doch zu Unrecht wehren sie die Kritik an Antisemitismus ab, die nicht rassistisch artikuliert wird. Unter ihnen gibt es jene, die nur halbherzig chiffriert antisemitische Aussagen von sich geben, und jene, die durch schieres Miss- oder Unverständnis von Antisemitismus und der Shoah dessen Relativierung nichts entgegensetzen können. Manche tragen diese Relativierung unbewusst mit. Sie haben das Herz am richtigen Fleck, doch ohne ein Verständnis von Antisemitismus sind sie nicht in der Lage, ihm etwas entgegenzusetzen.
Diese Kämpfe um Definitionsmacht sind eng verbunden mit der zentralen Frage: Was bedeutet es, in einem postnazistischen und postkolonialen Land links oder progressiv zu sein? Dass diese Kämpfe emotional und polemisch geführt werden, ist nachvollziehbar. Denn es geht hier auch um ein Versagen. Viel zu lange haben linke und progressive Gruppen es nicht geschafft, Kontinuitäten angemessen zu adressieren. Viel zu lange haben sie sich nicht mit ihrem eigenen internalisierten Antisemitismus und Rassismus beschäftigt. Dass diese Themen heute mehr Aufmerksamkeit erfahren, ist ein Erfolg der Menschen, die ihn in frustrierenden und langwierigen Konflikten erkämpft haben.
Regelmäßig wird zwischen guten und schlechten Juden unterschieden
Doch mehr Sichtbarkeit ist Fluch und Segen. Denn es werden nicht nur jene Stimmen verstärkt, die antisemitische und rassistische Gewalt sichtbar machen. Geführt werden diese Diskurse vor allem von Menschen, die sich als allies verstehen. Als Verbündete. Das ist zum Teil auch sehr wichtig, können gerade sie sich doch in dieser Gesellschaft auf gesellschaftliche Machtstrukturen stützen. Sie können diese Ressourcen nutzen, um Dinge zum Besseren zu verändern. Zugleich bedeutet es auch: Wenn Menschen aus marginalisierten Gruppen sich um differenzierte Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen bemühen, die Ambivalenzen aushält, werden sie oft nicht gehört. Jüdische Positionen etwa sollen der Argumentation der einen oder anderen Seite recht geben: antisemitismus- oder rassismuskritisch; die Shoah als ein Genozid unter vielen oder als präzedenzloses Ereignis; bedingungslose Euphorie für jegliche israelische Politik oder Dämonisierung des einzigen jüdischen Staates; Universalismus oder Partikularismus.
In der Folge lassen sich alle politischen Positionen nach einem Muster lesen: Du kannst dich klar gegen Rassismus positionieren, soziale Ungerechtigkeit und ökonomische Verhältnisse kritisieren, Nationalismus verurteilen, doch sobald du die Existenz Israels oder die Idee des Zionismus nicht grundsätzlich infrage stellst, gerät dein Platz in deiner politischen Heimat ins Wanken. Trittst du gar selbstbewusst auf und versuchst die Ambivalenzen von Zionismus aus linker Perspektive zu verdeutlichen, kann es passieren, dass du deine Heimat eigentlich schon verloren hast. Wenn man nicht klingt wie die schrillste oder radikalste linke Stimme im innerisraelischen Diskurs, folgen mit ziemlicher Sicherheit Belehrungen von weißen deutschen (und nicht jüdischen) Menschen, was es wirklich bedeutet, links zu sein.
Ich habe viele Aktivistinnen erlebt, die enttäuscht waren und es zum Teil noch sind. Frustriert und verzweifelt. Sie kritisieren, dass die Mehrheit der politischen Linken und progressiver Bewegungen zwar für sich in Anspruch nimmt, für alle marginalisierten Gruppen sprechen zu können. Doch dabei wird Antisemitismus nicht konsequent bekämpft. Außerdem spielen widerständige jüdische Perspektiven kaum eine aktive Rolle. Eine passive Rolle darf man einnehmen, um die Positionierung anderer im Kampf gegen Antisemitismus zu legitimieren: Regelmäßig wird zwischen den guten und den schlechten Juden unterschieden. Micha Brumlik bezeichnete dieses Vorgehen als “selbstbezügliche[s] Kontrastprinzip”. Dabei werde “die Feindschaft gegen Juden durch die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Juden legitimiert”. Während die guten Juden die eigene Ideologie teilen und der Immunisierung gegen Kritik dienen, werden antisemitische Stereotype auf die schlechten Juden übertragen. Dementsprechend werden diese als diejenigen in aktuellen Diskursen verstanden, die so mächtig sind, dass sie Meinungsverbote erlassen können oder in ihrer Mehrheit für das konservative Falsche stehen, also die Gegenposition zur eigenen progressiven oder linken Haltung einnehmen.
Warum wird jüdische Pluralität zum Kampfbegriff, der immer dann eingebracht wird, wenn die eigene Position dadurch legitimiert werden soll, dass auch jüdische Menschen israelische Politik kritisieren? Jüdische Pluralität bedeutet schlicht und einfach, dass Jüdinnen Menschen sind. Auch ein Effekt: Diese Menschen repräsentieren dann (und allein) das echte linke Judentum – und Differenzierung und Streitkultur werden nicht als Ausdruck gelebten linken Judentums begriffen, sondern demaskieren vermeintlich die Zugehörigkeit zur konservativen jüdischen Mehrheit, die Teil des gesellschaftlichen Falschen ist. Doch war es nicht der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, der 1992 lautstark in der Öffentlichkeit die rassistisch-motivierte Gewalt in Rostock-Lichtenhagen kritisierte? Brauchen wir nicht Platz für diese Komplexität in unserem Sprechen und Denken? Der Zentralrat vertritt die mehrheitlich staatsnah eingestellte jüdische Gemeinschaft und doch war es dessen Vorsitzender, der den falschen Zusammenhang zwischen den Pogromen und der Verschärfung beziehungsweise Abschaffung des Asylrechts verurteilte, den die konservative Bundesregierung damals herstellte.
Ich kann nachvollziehen, dass manche linke Jüdinnen für sich entschieden haben: “Jetzt reicht’s!” Ich kann nachvollziehen, dass sich manche auf die Suche nach Verbündeten begeben haben und sich dabei auch von der früheren politischen Heimat verabschiedet haben. Ich kann nachvollziehen, dass diese Enttäuschung für manche bedeutet, Verbündete in anderen demokratischen politischen Lagern zu suchen, die die Gesellschaft weniger radikal verändern wollen.
Den Ursprung dieser Absetzbewegung habe ich einmal als Vertrauensbruch beschrieben, aber nicht in dem Sinne, dass jemand das Vertrauen von jemand anderem bricht, sodass es unrettbar in Scherben liegt. Es ist ein Mosaik an Erfahrungen. Jeder marginalisierte Mensch macht sie anders. Die Begegnung mit antisemitischen Vorfällen in linken und progressiven Räumen und der daraus entstehende Widerspruch waren mir eine harte Lehre und haben mir ein wendungsreiches Leben beschert. Die Auseinandersetzung mit ihnen hat mich von der politischen Linken abgestoßen und mich wieder zu ihr geführt. Vertrauen ist für mich nichts Statisches, sondern etwas, das sich in ständiger Bewegung befindet. Der Bruch begründet einen Ort, von dem aus sich etwas entwickeln kann. Er ist die Erfahrung der Krise. Der Bruch kann sich verschärfen oder die entstandenen Stücke können wieder zueinanderpassen. Wenn auch ganz anders: Etwas, das zerschmettert wurde, lässt sich nicht auf dieselbe Art und Weise wieder zusammensetzen. Und auch wenn wir das ursprüngliche Gefäß wieder zusammenfügen, bleiben die Bruchstellen doch sichtbar, auch unter einem neuen Anstrich.
Das Bild von den Scherben, die sich so nie zusammenfügen lassen “wie vorher”, gebrauchte auch der Kulturkritiker Walter Benjamin einmal, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, dem Übersetzen fremdsprachlicher Texte: “Wie nämlich Scherben eines Gefäßes, um sich zusammenfügen zu lassen, in den kleinsten Einzelheiten einander zu folgen, doch nicht so zu gleichen haben, so muß, anstatt dem Sinn des Originals sich ähnlich zu machen, die Übersetzung liebend vielmehr und bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbilden, um so beide wie Scherben als Bruchstück eines Gefäßes, als Bruchstück einer größeren Sprache erkennbar zu machen.”
Wenn wir also die Scherben des zerbrochenen Vertrauens in den Händen halten, dann sollten wir nicht den Versuch unternehmen, sie “dem Sinn des Originals […] ähnlich zu machen”. Sondern es muss aus den Scherben etwas entstehen, das “bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbilden” kann. Wir brauchen in diesem Sinn also eine ganz neue Sprache, um eine Gänze (in diesem Fall linker Bewegungen, die zugleich ihren Antisemitismus wahrnehmen und wirksam bekämpfen) wieder, besser oder überhaupt erst richtig herzustellen, die gerade in den vergangenen Jahren für alle sichtbar zerbrochen ist.
Die eigenen Vorstellungen von Identität hinterfragen
Wir leben in einer postnazistischen und postkolonialen Gesellschaft. Eine konsequente Haltung gegen Antisemitismus, Antislawismus, Rassismus, Gadjé-Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus gibt es nicht per Selbstbekenntnis. Sie muss hart erarbeitet werden. Und das sage ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern auch ganz selbstkritisch: Es heißt, die eigenen Vorstellungen von Identität zu hinterfragen, welche Ausgrenzungsmechanismen für sie relevant sind, Betroffenen zuzuhören, sich selbst Wissen über Macht- und Herrschaftsstrukturen und Ideologien der Ungleichwertigkeit anzueignen, zu begreifen, wie diese den Alltag von marginalisierten Gruppen prägen, lernen Ambivalenzen auszuhalten, Streit und Konflikt zuzulassen, sich der eigenen Widersprüche und der zuweilen notwendigen Vereinfachungen bewusst zu werden, sich zu verbünden, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu stellen, und sich immer wieder zu fragen: Warum schweige ich, wenn ich nicht betroffen bin?
Das erklärt vielleicht auch, warum so erratisch und emotional auf die Kritik an antisemitischen Ereignissen reagiert wird. Anstelle über den Antisemitismus beziehungsweise einen konkreten Vorfall zu sprechen, streitet man über die Kritik an diesem Vorfall. Man bestimmt die Grenzen von Antisemitismus neu, man stellt – was in anderen Kontexten so kaum möglich wäre – die Wahrnehmung von Betroffenen infrage. Dabei wird eine Spaltung erst erzeugt, wenn die Kritik an antisemitischen Vorfällen als Spaltungsversuch relativiert wird, nämlich die Spaltung zwischen von Antisemitismus Betroffenen und denjenigen, die es nicht sind. Wenn sich rassistische Töne in die Kritik an antisemitischen Vorfällen mischen, dann gilt es natürlich, sowohl Antisemitismus als auch Rassismus zu thematisieren, doch manche Akteurinnen glauben, dass das wiederum pauschal die Kritik infrage stellen würde. Eventuell fühlt man sich auch unbewusst ertappt.
Man erkennt die Unvollkommenheit des eigenen Wissens und des eigenen Kampfes für eine bessere Welt – und muss noch etwas anderes infrage stellen: das Selbstbild als wahre Universalistinnen. Das ist für viele linke und progressive Gruppen schwer auszuhalten: dass der vermeintliche Universalismus zuweilen auch nur ein verkleideter Partikularismus ist. In den allermeisten Fällen bleibt es ein vor allem weißer, nicht jüdischer Partikularismus.
Die Enttäuschung darüber scheint sich bei manchen, die wie ich ihre politische Heimat zwischenzeitlich verloren haben, tatsächlich zu einer schaffenden Kraft entwickelt zu haben, auch zu einer gesunden Portion Skepsis. Skepsis vor Massenbewegungen, vor euphorischem Jubel, vor einfachen Antworten, vor Polemik und Populismus. Sie warten ab, analysieren in Ruhe, sind in der hinteren Reihe anzutreffen. Andere kämpfen plötzlich an der Seite von Reaktionären, vielleicht weil die ein Bekenntnis zu Israel teilen, gegen Gleichberechtigung, Emanzipation und Inklusivität, und die Linke kümmert sich dann um den Beweis, dass die jeweilige Person das alles schon immer in sich trug. Das hilft aber nichts: Jeder von ihnen ist ein Beweis für die Unfähigkeit der Linken geworden, den drängenden Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu begegnen.
Doch immer wieder zünden Funken der Hoffnung, verbessern sich auch Dinge in der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Wir setzen die Scherben neu zusammen. Heute lassen sich Zusammenhänge umso tiefer begreifen, die ja tatsächlich schon lange so waren, bevor daraus ein großer Konflikt und manch kleiner Skandal wurde. Immer wieder begegne ich Menschen wie an jenem Abend. Menschen, mit denen ich sprechend erkunden kann, was möglich ist. Was möglich ist, wenn die Reinheit des vermeintlich “richtigen” linken Denkens und der richtigen linken Identität nicht vor dem Aushalten von Widersprüchen stehen. Was möglich ist, wenn Ambivalenzen entschwiegen werden. Was möglich ist, wenn wir über die Pluralität im Verständnis von Zionismus sprechen. Was möglich ist, wenn es nicht nur eine antisemitismus- oder eine rassismuskritische Position gibt. Was möglich ist, wenn Jüdinnen*Juden nicht nur als die “anderen”, sondern als lebendiger Teil linker und progressiver Bewegungen verstanden werden.
Auch die aktuelle Regierung in Israel zeigt, wie wichtig eine linke jüdische Kritik ist, die nicht in Dämonisierung überschlägt, sondern die komplexe Geschichte und die wichtige Rolle integriert, die der jüdische Staat insbesondere für die Identität junger Juden in Europa hat. Mit der Tischgemeinschaft war es möglich, über die Enttäuschungen zu sprechen, die wir ganz unterschiedlich erfahren haben. Wir konnten und können darüber sprechen, was es für jede von uns bedeutet, jüdisch, enttäuscht und links zu sein. Wir können über die große Geschichte und die zuweilen steinige Gegenwart linken Judentums sprechen. Und wir sind nicht allein, denn diese Enttäuschung ist eine intersektionale Erfahrung. Auch das macht Mut.
Tagtäglich gibt es kleine Funken der Hoffnung. An diesem Abend haben sie in warmer wodkaseliger Stimmung ein Feuer entfacht, das dann zu diesem Text führte. Und während unsere Flammen in der Hitze der Debatte zu lodern begannen, erloschen die Schabbat-Kerzen. Die klirrende Kälte hatte Eiskristalle am Fenster gebildet. Und wenn es in der politischen Heimat ähnlich kalt ist wie da draußen: Dann gibt es in ihr anscheinend doch einen Ort, an dem wir uns gegenseitig wärmen können.
AUTEUR
Monty Ott ist Autor und Politik- und Religionswissenschaftler. Er publiziert regelmäßig zu tagespolitischen Themen und beschäftigt sich in seinen Beiträgen mit Antisemitismus, Erinnerungskultur, Intersektionalität und Queerness. Seit über einem Jahrzehnt engagiert sich Monty Ott in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Von 2018 bis 2021 war er Gründungsvorsitzender von Keshet Deutschland e. V. Anfang 2023 erscheint sein gemeinsam mit Ruben Gerczikow verfasster Reportageband Wir lassen uns nicht unterkriegen – Junge jüdische Politik in Deutschland im Verlag Hentrich & Hentrich.
BRON
Die Zeit – 22 januari 2023
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