Israël als machtigste deelstaat van Duitsland

A demonstrator holds a placard reading “I boycott Israel, but not the Jews”, during a demonstration marking al-Quds Day (Jerusalem Day), in Berlin, Germany June 1, 2019.


 

DEUTSCHLAND, ISRAEL, PALÄSTINA – STAATSRÄSON STATT MENSCHENRECHTE UND VÖLKERRECHT

 

Vielleicht interessiert jemanden, was über diese Person in dem Buch Deutschland, Israel, Palästina – Staatsräson statt Menschenrechte und Völkerrecht zu finden ist:
 
“Die Kritik an der israelischen Politik wurde verboten und als Antisemitismus verfolgt, und die Drahtzieher sitzen in Israel”
So lautete die Unterüberschrift eines Artikels vom 14. Juli 2019 in Haaretz.

 

 

Jochen Mitschka

 
»’Der neudeutsche Antisemit – Gehören Juden heute zu Deutschland’ heißt ein Buch, das kürzlich in Deutschland erschienen ist. Der Autor, Arye Sharuz Shalicar, ist jetzt auf einer Promotion-Tournee für das Buch in ganz Deutschland. Die deutsche Regierung bezahlt die Kampagne, genauer gesagt der ‘Beauftragte für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen den Antisemitismus’. Diese Position mit dem etwas seltsamen Namen – schließlich wurde das in der Vergangenheit so vielfältige jüdische Leben in Deutschland vor über 70 Jahren brutal ausgerottet – entstand vor etwas mehr als einem Jahr. Und so kam ich bei einem Besuch in Berlin in den Genuss, ein wenig von dem zu kosten, was sich heute als »jüdisches Leben« hier unter der Schirmherrschaft der offenen und verdeckten Intervention der israelischen Regierung und ihrer Institutionen maskiert. Ich nahm an einer Buchvorstellung teil, die an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand.
 
Shalicar ist israelischer Staatsbürger, ein Major der israelischen Verteidigungskräfte, ein ehemaliger Offizier im IDF-Sprecherbüro und bekleidet auch heute noch eine hohe Regierungsposition: Die Abteilung für Außenbeziehungen im Ministerium für Nachrichtenwesen. Auf der Website des Ministeriums – das ebenfalls ein eher neues Wesen im Zeitgeist ist – heißt es, dass das Ministerium ein ‘aktiver Partner in der nachrichtendienstlichen und strategischen Sicherheit des Staates Israel ist … Eine Basis für den Prozess des Abtastens des Horizonts … dessen Zweck die frühe Identifizierung von ‘schwachen Signalen’ und ‘aufblitzenden Trends’ in der Welt und der Region ist’. Aber Shalicar präsentierte sich bei der Veranstaltung als Privatperson: ‘Arye, ich bin Arye.’
 
Shalicar war geborener Deutscher, wo er auch aufwuchs, und spricht und schreibt daher Deutsch mit einem »modischen Zungenschlag« , wie die Autorin meint. Er hielt eine lange Rede auf Deutsch, voller Propaganda und Hetze, schreibt Ilana Hammerman in ihrem Artikel. Originalaussage Hammermans:
 
»Arrogant, giftig, und voller rassistischer Hetze, zumeist gegen Muslime – aber auch gegen bestimmte Juden – mit oberflächlicher Propaganda und Lobpreisung Israels und seiner Politik.«
 
Offensichtlich waren die Zuhörer angetan von dem was sie hörten, denn sie spendeten Applaus.
 
Laut Einladung, so berichtet die Autorin von Haaretz, sei dann eine Diskussion vorgesehen gewesen. Also hob sie nach der Rede ihre Hand und bat darum, ihre jüdisch israelische Meinung vortragen zu dürfen. Sie bat darum, Fehler in der Beschreibung von Dingen, sowohl in Deutschland, als auch in Israel zu korrigieren und sie protestierte insbesondere dagegen, dass der Buchautor sich als Privatperson ausgab.
 
Daraufhin schlug ihr offene Feindschaft entgegen. Weder der Sprecher, der Moderator, noch die Zuhörer waren an einer Diskussion interessiert. Sie wurde böse angestarrt und aufgefordert den Mund zu halten. Der Buchautor habe dann erklärt, dass die Autorin des Haaretz eine Störerin sei, die ihn so verstört hätte, dass er eine Entspannungsmassage benötigen würde.
 
Hammerman beschreibt, wie sie fühlte, dass er, der gegen die Muslime generell, und ihr Land im Besonderen predigte, ganz den Gefühlen der Zuhörerschaft entgegenkam. Und auch dem Gefühl, dass man dem entgegentreten müsste. Nicht die extreme
Rechte in Deutschland war das Ziel, sondern Muslime. Die Autorin des Artikels verließ nach eigener Bekundung die Veranstaltung mit einem tiefen Gefühl der Unbehaglichkeit, wie sie es noch nie bei früheren Besuchen in Deutschland erlebt habe.
 
Der Artikel geht dann weiter über zu einem Bericht über die Folgen der Entscheidung der Bundestagsabgeordneten vom 17. Mai, und wie Kritik an israelischer Politik nun gnadenlos unterdrückt wird, wie jede Form von Dissens nicht mehr zugelassen wird. Sie stellt dann die Frage, wen denn Deutsche unterstützen, und gibt auch gleich die Antwort:
 
»Die Veranstaltung an der Humboldt-Universität und das Lesen von Shalicars Buch vermittelte mir eine deprimierende Antwort: Sie unterstützen den neuen israelischen Rassismus, den der Autor und sein Buch in seiner ganzen Bösartigkeit verkörpert, und sie bezahlen dafür aus öffentlichen Kassen. Shalicar trägt den Banner des Rassismus in Deutschland nicht nur gegen Araber, Muslime und Immigranten aus muslimischen Ländern, sondern auch gegen Juden, welche die Politik der israelischen Regierung kritisieren, und sogar gegen Deutsche, für die er eine jüdische Identität erfindet.«
 
Hammerman berichtet am Beispiel der Angriffe gegen Dr. Reiner Bernstein über die Versuche in dem Buch, jüdische Kritiker der israelischen Politik zu verleumden. Bernstein war 1939 in Deutschland geboren worden und lebt in München. Seine Doktorarbeit hatte er über den »Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« und den bereits in der Weimarer Republik auftretenden Antisemitismus geschrieben. Er war Hochschullehrer und nahm immer schon an Diskussionen über Politik teil. Eine der hauptsächlichen Beschäftigungen, so Hammerman, ist sein tiefes Interesse für die Konflikte zwischen Palästinensern und Israelis. Bernstein vertrat Deutschland bei der Genfer Initiative. Er unterstützte die Zweistaatenlösung und er ging nicht mit der BDS-Bewegung konform. Über Jahre, so erklärt Hammerman, war er bemüht, die Stimmen von israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten in den öffentlichen Diskurs in Deutschland zu bringen. Aber diese Aufgabe sei Jahr für Jahr schwerer zu erfüllen gewesen.
 
Bernstein war auch einer der Treiber, welche die berühmten »Stolpersteine« in Deutschland bekannt gemacht machte. Sechs Jahre lang war er der Chef dieser beeindruckenden Initiative in München. Die Stolpersteine erinnern Deutsche daran, dass das Unrecht sich vor ihren Augen entfaltete. Die Stolpersteine klagen die Untätigkeit der Deutschen an, nichts gegen das entstehende Unrecht unternommen zu haben. Und nun die Verleumdung Bernsteins in dem Buch, das aus deutschen Steuergeldern gefördert wird.
 
»Er [Shalicar] schreibt in seinem Buch, dass Bernstein tote Juden in Deutschland lieben würde, und sie mit den Stolpersteinen würdigt, aber er hat ein Problem mit lebenden Juden in Israel, weshalb er eine Organisation unterstützt, die zu einem Boykott von lebenden Juden aufruft. Shalicar nennt ihn einen »selbsthassenden Juden« und sagt, dass er vermute, dass Bernstein tief hassen würde, ein Jude zu sein, und dass er tief in seinem Herzen wünschen würde, kein Jude zu sein. Bernstein lebe in einer wahnhaften Welt, schreibt Shalicar. Aber er sei ein Jude und wird ein Jude bleiben, egal wie sehr er es hassen würde. So etwas schreibt Shalicar, dieser geschmacklose Israeli, über einen moralisch aufrechten Mann, der ob er es wollte oder nicht, vor achtzig Jahren von protestantischen Eltern geboren worden war, und gar kein Jude ist.«
 
Die Haaretz-Autorin berichtet dann, dass Deutsche ihr oft gesagt hatten, dass sie Angst hätten. sie würden mit Sorge einen gefährlichen Prozess in Israel beobachten, hätten aber Furcht, ihren Bedenken Ausdruck zu verleihen. Diese Angst wächst, meint sie, seit der Bundestag die Resolution vom 17. Mai verabschiedet hatte.
 
»Dieses furchtbare neue Gespenst verfolgt nun Deutschland. Jene, die die Fäden ziehen, sitzen in Israel, die Hände welche die Fäden halten, sind jene der israelischen Regierung, des Mossads und der Geheimdienste, welche riesige Summen für diese Aktivität bereitstellen. Aber diejenigen, die verantwortlich sind, Politiker des gesamten Spektrums, sitzen in Deutschland. Ich glaube nicht an die Unschuld und Ehrenhaftigkeit von jenen, die an den Fäden hängen, die gezogen werden. Ich verdächtige sie der Heuchelei und des frommen Getues. Ob absichtlich oder nicht, oder ob aus dem Wunsch heraus, nichts zu wissen, so dienen sie einer neuen Form des Rassismus, und ein Teil davon ist die vollständige Gleichgültigkeit gegenüber unserem Schicksal hier in Israel.
 
Mit diesem Geist verfolgen sie uns auch, uns, die Menschen der Friedensbewegung in der Zivilgesellschaft in Israel. Diesen neuen Definitionen zufolge, klingen die Warnungen von Historikern und Hochschullehrern gegen die derzeitige Politik der israelischen Regierung in Hinsicht auf Faschismus uns Nazismus in Israel als Verbrechen. Wäre Haaretz, eine wichtige Bühne für diese Stimmen, eine deutsche Zeitung, wären ohne Frage seine Herausgeber längst vor einem deutschen Gericht angeklagt.«

 


Quelle: Haaretz – 15 juli 2019Ilana Hammerman



Uitgelichte foto: Credit: \ FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

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