Sampha: Shylight – Sierra Leone (2017)
DIE GEISTIGE MOBILMACHUNG UND DIE SELBSTGLEICHSCHALTUNG VON INTELLEKTUELLEN
Vom Frieden zum Krieg führt immer derselbe Schritt, der massenmediale Gleichschritt. Der militärischen Mobilmachung geht stets eine geistige voraus, ein gezielter Angriff auf das öffentliche Bewusstsein.
Rainer Mausfeld

Mit den Waffen der Massenmedien, mit der Erzeugung von Angst und Hass, lässt sich eine weit überwiegend friedensorientierte Bevölkerung in kürzester Zeit in eine kriegstrunkene Masse verwandeln. Ein ebenso altes wie bewährtes Mittel. Und stets Indikator einer neuen Vorkriegszeit.
Bereits 1927 stellte der Propagandawissenschaftler Harold Lasswell klar: »Die psychologischen Widerstände gegen Krieg sind in modernen Nationen so groß, dass jeder Krieg als ein Verteidigungskrieg gegen einen bedrohlichen mörderischen Aggressor erscheinen muss. Es darf keine Zweifel darüber geben, wen die Öffentlichkeit zu hassen hat.« Auch heute wieder lassen die Massenmedien, die sich vollends in den Dienst hegemonialer US-Interessen gestellt haben, keinen Zweifel, wen es zu hassen gelte, wer die wesenhaft ›Guten‹ seien und wer die wesenhaft ›Bösen‹, die zur Sicherung des Friedens ruiniert, zerstört, vernichtet werden müssten. Ein Blick in eine beliebige große Tageszeitung liefert reiches aktuelles Illustrationsmaterial. Wieder einmal wird jede ernsthafte politische Debatte vom medialen Getöse der Kriegstrommler erstickt, wieder einmal folgt eine Mehrheit zu ihrem eigenen Schaden bereitwillig denen, die alleinige Nutznießer des Kriegsgeschäfts sind.
USA: Die größte Bedrohung für den Frieden
Denn Krieg ist ein Bombengeschäft, wohl das größte aller Geschäfte überhaupt. Die USA sind in den fast 250 Jahren ihrer Existenz in mehr als 90 Prozent dieser Zeit im Krieg gewesen. Lediglich in 21 Jahren dieser Zeit haben sie keinen Krieg geführt. Sie haben damit ein Anrecht auf den Titel erworben, die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt zu sein. Sie haben die größte Kriegsmaschinerie geschaffen, die es je in der Geschichte gegeben hat. Diese permanent laufende US-Kriegsmaschinerie mit ihren über 800 US-Basen in aller Welt ist Grundlage ihres Wohlstands und sichert die ökonomische Macht ihrer Großkonzerne und die Interessen des globalen Kapitals.
Im Rahmen ihres vorgeblichen »Kampfes gegen den Terror« haben die USA seit 2001 eine gigantische Umverteilung von der öffentlichen in die private Hand durchgeführt, bei der tausende Milliarden Dollar an Steuergeldern in ihre Kriegs- und Sicherheitsindustrie geflossen sind. Sie haben mit der NATO das heute aggressivste Militärbündnis der Welt geschaffen, eine Militärmaschinerie, die sich selbst, in orwellscher Verdrehung, als »erfolgreichste Friedensbewegung, die die Welt je gesehen hat« bezeichnet. Unter dem Deckmantel eines »Kampfes gegen Desinformation« streben die NATO und, als ihr ziviler Arm, die EU danach, auch das aggressivste Bündnis zur Narrativkontrolle und zur politischen Desinformation der Öffentlichkeit zu werden.
Mehr denn je brauchen wir die Ostermärsche
Eine monströse Kriegsmaschine durchwuchert alle unsere Gesellschaften so durchgreifend, dass – so die große Verfassungstheoretikerin Ingeborg Maus – »gegenwärtige Gesellschaften in aller Welt nur noch Anhängsel ihrer militärisch-industriellen Komplexe« sind. Dieser Kriegsmoloch ist auf regelmäßige geistige Mobilmachungen angewiesen. Dazu benötigt er eine breite Schicht von Experten aus allen akademischen Disziplinen, die als staatliche Realitätsverwalter bestimmen, was als Realität zu gelten habe, was Wahrheit und was Lüge und was vernünftig und was irrational sei. Und wann ein Wunsch nach Frieden als verachtenswert anzusehen sei. Sie nennen sich ›Intellektuelle‹, sind aber nur Leute, die für Status und Geld die ›richtigen‹ Worte sagen, sie sind die »Vermieter des Intellektes« (Bertold Brecht). In Zeiten wie heute, in denen der Kriegsmoloch die Kriegsglut wieder in den Köpfen zu entfachen sucht, wächst auch sein Bedarf an willfährigen ›Intellektuellen‹, die sich aus ideologischer Überzeugung oder aus vorauseilendem Opportunismus den Bedürfnissen der Händler des Todes andienen. An ihnen herrscht niemals Mangel, denn gerade diejenigen, die am längsten die Bildungsinstanzen durchlaufen haben, sind am tiefsten von der herrschenden Ideologie durchdrungen und somit geneigt, für jedes Feindbild und für jeden Krieg die gewünschten Rechtfertigungen zu liefern.
Es ist notwendig und gut, für den Frieden zu sein. Doch es reicht nicht. Das Geschäftsmodell des Krieges muss an seinen Wurzeln aktiv bekämpft und sein Fundament, der militärisch-ökonomisch-parlamentarische Komplex, beseitigt werden. Zugleich müssen alle medialen Waffen einer geistigen Mobilmachung entschärft werden, damit nicht weite Teile Bevölkerung wie auf Knopfdruck in den kollektiven Wahnsinn einer Kriegsbegeisterung getrieben werden können. Eine gewaltige Herausforderung, die sich nur durch kraftvollen Druck der gesellschaftlichen Basis bewältigen lässt. Mehr denn je brauchen wir die Ostermärsche, um die dafür notwendige Veränderungsenergie und Veränderungsbereitschaft zu mobilisieren.
AUTEUR
Rainer Mausfeld ist Professor an der Universität Kiel und hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmung- und Kognitionsforschung inne. In seinen gesellschaftspolitischen Beiträgen beschäftigt er sich mit der neoliberalen Ideologie, der Umwandlung der Demokratie in einen autoritären Sicherheitsstaat und psychologischen Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements. Mit seinen Vorträgen (u.a. Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert? und Die Angst der Machteliten vor dem Volk) erreicht er Hunderttausende von Zuhörern. Im Westend Verlag erschienen zuletzt seine Bestseller Warum schweigen die Lämmer? (2018) und Angst und Macht (2019).
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BRON
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