ARTSEN BERICHTEN UIT GAZA

Kinderen mogen niet getuigen…
Oktober 2024 in Erfurt


 
We naderen weer Sinterklaas. De enige vraag die hierbij gesteld wordt: wel of geen Zwarte Piet. Ondertussen dienen kinderen in Palestina als slachtvee of rondlopend wild dat afgeslacht wordt door barbaren die zich hiervoor beroepen op eeuwenoude teksten.
 


 


 
 

»WIE SOLL ICH NACH DEM, WAS ICH GESEHEN HABE, NOCH IN DIESER WELT LEBEN?«

Ärzte aus Europa und den USA haben in den vergangenen Monaten unzählige Kinder und Jugendliche in Gaza behandelt. Sie berichten dem SPIEGEL von Amputationen ohne Schmerzmittel – und von Verletzungen durch gezielte Schüsse.
 

Muriel Kalisch
Dunja Ramadan
Thore Schröder

 
 

Mir geht ein dreijähriges Mädchen nicht mehr aus dem Kopf. Sie kam zu mir in die Notaufnahme, bewusstlos nach einem Nackenschuss. Ich war zu dem Zeitpunkt der einzige Chirurg. Ich musste ihre Arterie zusammennähen, es hatte sich bereits Blut im Gehirn gesammelt. Alle Instrumente, die ich zur Verfügung hatte, waren viel zu groß für diesen kleinen Menschen. Das Mädchen überlebte die Operation – starb aber ein paar Tage später. Ich glaube, an einer Infektion. Ich habe mein Bestes gegeben, es hat nicht gereicht.

Vielleicht wäre das Mädchen noch am Leben, wenn die hygienischen Bedingungen besser gewesen wären. Auf der Intensivstation, wo sie lag, waren überall Fliegen.

Viele dieser Kinder landeten ausgehungert und schwer verletzt auf meinem OP-Tisch. Sie haben in Zelten gelebt, oder vielmehr hinter Stofffetzen an Stangen. Sie hatten kein fließendes Wasser, konnten nicht duschen, aßen zu wenig.

Die Mehrheit der Schwerverletzten waren Frauen und Minderjährige. Jeden Tag kamen zehn bis 20 Kinder mit schwersten Verletzungen in die Notaufnahme. Von denen, die wir operiert haben, hat nur die Hälfte überlebt. Das ist sehr wenig. Wie viele Menschen würden heute noch leben, wenn die Israelis nicht systematisch die Gesundheitsversorgung zerstört hätten?

Ich habe viele Kinder mit Schussverletzungen gesehen, viele von ihnen sind daran gestorben. Inzwischen erkenne ich schnell, ob der Schuss von einer Drohne oder einem Schützen am Boden abgefeuert wurde. Ich erinnere mich an eine Achtjährige, die bei uns eingeliefert wurde. Die Kugel steckte noch in ihrem Kopf. Wir öffneten den Schädel und überall war Blut, sie starb.

Jeden Tag gab es »mass casualty events«, also Massenopferereignisse, Bombardierungen mit zehn bis 40 Opfern.

Ich fühle eine große Schuld, seitdem ich Gaza verlassen habe. Ich denke jeden Tag an meine palästinensischen Kollegen, die diesen Ort nicht verlassen können, die um ihre eigene Familie bangen, während sie anderen Familien das Leben retten. Das darf so nicht weitergehen. Die Welt muss aufwachen.


 

Ich denke oft an Ibrahim, 14 Jahre alt. Er hat bei einer Explosion seine Mutter, seinen Vater und ein Bein verloren. Zu uns kam er mit offenen Wunden und sprach nicht. Seine körperlichen Wunden heilten langsam, er machte erste Schritte, begann mit einer Physiotherapie.

Der Junge war traumatisiert, plötzlich ein Waisenkind. Und doch schaffte er es, nach ein paar Wochen wieder zu lächeln, sogar zu lachen. Er freundete sich mit seinen Krücken an, er rannte förmlich mit ihnen.

Eines Nachts beobachtete ich ein paar Jungs, die zusammen Fußball spielten. Einer von ihnen hatte keinen Arm mehr, der andere spielte mit Krücken, ein anderer saß im Rollstuhl, der Vierte hatte ein gebrochenes Bein, das mit Metallstiften fixiert war. Die Jungs lachten, sie hatten Spaß. Dieser Moment der Unbeschwertheit hat mich sehr berührt.

Ibrahim lebt jetzt wieder in einem Zelt.


 

Mehrmals haben wir »mass casualty events« erlebt. Ich habe in einem kleinen Notfallraum gearbeitet, ausgelegt für drei Personen. Nicht selten mussten wir dort acht oder mehr Patienten versorgen, auch auf dem Boden. Im Kopf geblieben ist mir die Mutter eines etwa dreijährigen Kinds, die – weil alle Ärzte anderweitig beschäftigt waren – versucht hat, es mit einem Beatmungsbeutel zu versorgen. Das Kind hatte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, Überlebenschancen gleich null. Aber die Mutter pumpte, pumpte, pumpte immer weiter, strich ihrem Kind dabei immer wieder übers Haar, fast stoisch, während um sie herum geweint und geschrien wurde. Das Kind war an ein EKG angeschlossen. Da sahen wir, wie der Blutdruck am Ende noch mal hochging, wohl weil das Hirn anschwoll, und dann steil abfiel, bis zum Herzstillstand. Die Mutter pumpte weiter. Bis irgendjemand vom Personal ihr sagte, dass sie aufhören könne, weil ihr Kind tot sei. Wir haben den Platz gebraucht, um andere zu versorgen. Die Frau hat geweint, fast lautlos.
 

Kind auf dem Krankenhausboden: Manche Kinder waren so hungrig, dass sie den Müll nach Essbarem durchsucht haben Foto: Privat

Ich erinnere mich an ein Kind mit leuchtend grünen Augen, das zu uns verlegt wurde. Man hatte ihm wegen einer Bauchwunde das starke Betäubungsmittel Ketamin gegeben. Ich habe den Verband aufgemacht, um nachzuschauen – da ist mir ein Stück Darm regelrecht entgegengefallen. Das Kind hat mich nur angeschaut, mit großen Augen. Die Betäubung wirkte.

Wegen der geringen Kapazitäten gab es im Krankenhaus eine klare Regel. Patienten, bei denen mehr als 50 Prozent der Körperoberfläche verbrannt waren, durften wir nicht auf die Intensivstation aufnehmen, weil klar war, dass sie ohnehin an einer Infektion sterben würden. Immer wieder habe ich erlebt, dass Patienten wegen der mangelnden Versorgung und der schlechten hygienischen Bedingungen Arme oder Beine verloren haben. Viele Erkrankungen hätte man in Deutschland gut behandeln können. Es fehlten auch Medikamente für chronisch kranke Menschen, etwa Diabetiker oder Krebspatienten, auch sie müssen oft sterben, obwohl man sie andernorts gut behandeln könnte.


 

Das Kind, das mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, ist ein neunjähriges Mädchen namens Juri. Das Haus ihrer Großeltern wurde zerstört, nachdem sie dorthin geflüchtet waren. Juri wurde ungefähr zwei Wochen vor meiner Ankunft in Gaza eingeliefert. Als ich sie traf, hatte sie einen septischen Schock, war also im Endstadium einer Blutvergiftung und in Lebensgefahr. Sie schrie vor Schmerzen, wir konnten sie nicht untersuchen. Also gingen wir das Risiko einer Narkose ein und brachten sie in den Operationssaal.
 

Mädchen Juri in Gaza: Ihr linkes Bein war wie zerstört Foto: Privat

Durch die Bombenexplosion war ihr Gesäß auf der linken Seite bis zum Beckenknochen aufgerissen. Ihr linkes Bein war wie zerstört. Als sie damals eingeliefert worden war, hatten sich nur Assistenzärzte aus der Orthopädie um sie kümmern können, weil die Oberärzte gestorben oder geflohen waren. Sie hatten alle Wunden einfach geschlossen, das hatte zu schweren Infektionen geführt.


 
Aus einem Krankenhaus in Ägypten schickt Juri dem Arzt ein Lebenszeichen.

Sie war daran bloß deshalb nicht gestorben, weil Maden die Wunden bewohnten und das meiste tote Fleisch fraßen. Das hielt die Infektion in Schach. Wir wuschen die Maden aus ihren Wunden und schnitten das tote Gewebe weg. Im Laufe der nächsten zehn Tage konnten wir sie stabilisieren, sodass sie nach Ägypten evakuiert werden konnte. Ich habe inzwischen ein Video von ihr bekommen. Es war so schön, sie so lebendig zu sehen. Aber ihr Bein muss mit ziemlicher Sicherheit irgendwann amputiert werden.

Es hat fünf oder sechs Chirurgen bedurft und rund 30 Stunden gedauert, dieses Mädchen zu operieren. Es gab Hunderte Kinder wie Juri im Krankenhaus. Viele von ihnen starben, bevor sie auch nur in die Nähe des Operationssaals kamen.

Ich habe sehr viele Kinder mit Schusswunden gesehen, das jüngste war zwei Jahre alt. Ich spreche von wirklich kleinen Kindern, nicht von Teenagern. Kinder, die nur spielen und schlafen.

Ich bin kein Ermittler für Kriegsverbrechen, ich kann nur sagen, was ich im Krankenhaus gesehen habe und was mir die Familien erzählt haben: dass die Israelis auf sie geschossen haben. Das waren keine Einzelfälle, das war ein Muster.

Das habe ich auch in einem Artikel in der »New York Times« geschrieben. Der Versuch von einigen Propagandisten, den Artikel zu diskreditieren, war erfolglos. Die israelische Zeitung »Haaretz«  hat den Artikel ins Hebräische übersetzt und veröffentlicht, der US-Senator Bernie Sanders hat ihn kürzlich im Senat vorgelesen.


 

Ich fühle großen Schmerz, wenn ich daran denke, wie an einem Tag zu Beginn meines Aufenthalts viele Opfer schwerer Luftangriffe zu uns in die Notaufnahme kamen. Das war der 8. Juni, als Israels Armee bei der Befreiung mehrerer Geiseln das Flüchtlingscamp Nuseirat bombardierte. Mehr als 270 Menschen wurden an dem Tag getötet, rund 700 verletzt. In Erinnerung bleibt mir ein acht- oder neunjähriger Junge, dem der linke Unterarm amputiert werden musste und der noch dazu einen zertrümmerten Oberschenkel und eine Hirnverletzung hatte. Er musste rund 40 Tage im Krankenhaus bleiben, wurde mit einem Gestell und langen Schrauben im Bein entlassen und erlangte sein Gedächtnis langsam wieder.

Für mich ist der Fall des Jungen sinnbildlich für das Leid der Kinder in Gaza. Sie geraten ins Kreuzfeuer, sie tragen lebensverändernde Verletzungen und Traumata davon, die sie für immer begleiten werden.

»Ich habe auch noch nie erlebt, dass Menschen von allen Seiten vom Krieg umschlossen sind und keine Chance haben zu entkommen.«
 
Javid Abdelmoneim

 
Kinder sind durch ihre noch nicht fertig entwickelte Physis wesentlich empfindlicher als Erwachsene. Ich habe eine große Bandbreite schwerster Verletzungen bei Minderjährigen erlebt: zerfetzte Organe, Splitterwunden, Quetschungen, traumatische Amputationen. Vor allem Verbrennungen.

Die hohe Zahl von getöteten und verletzten Kindern und Jugendlichen passt zur Demografie in Gaza, die Bevölkerung ist dort einfach sehr jung. Es zeigt aber auch, wie wahllos Israels Streitkräfte attackieren. Die Armee führt einen Krieg gegen die Bevölkerung.

Ich habe auch noch nie erlebt, dass Menschen von allen Seiten vom Krieg umschlossen sind und keine Chance haben zu entkommen.


 

In Gaza ist der Krieg stets präsent. Bei der Arbeit hörte ich ständig Drohnen, Explosionen, Schüsse. Bei schweren Einschlägen vibrierte der Boden. Als ich ankam, sind mir auf der Straße die vielen jungen Menschen aufgefallen. Manche Kinder waren so hungrig, dass sie den Müll nach Essbarem durchsucht haben. Wenn währenddessen irgendwo etwas explodierte, zuckten sie nicht einmal.

Ich erinnere mich an eine 14-Jährige, die sich in einem bombardierten Haus befunden hatte. Sie hatte schwere Quetschungen, sodass wir ihr rechtes Bein amputieren mussten. Sie hatte mehrere Brüder verloren. Obwohl viele Verletzungen sehr schwer waren, hatten wir über längere Zeit keine starken Schmerzmittel. Wir mussten Kinder wie dieses Mädchen mit Ibuprofen und Paracetamol behandeln, als hätten sie Kopfschmerzen.
 

Verletzte junge Frau im Al-Aqsa-Krankenhaus: Oft fehlten die einfachsten Dinge Mohammed Al-Masri / REUTERS

Ich habe viele Splitterwunden und Brüche gesehen, außerdem eine hohe Zahl von Verbrennungen und Verbrühungen, auch weil die Menschen ja vor ihren Zelten über offenem Feuer kochen. In Erinnerung ist mir zudem der Fall eines Jungen geblieben, der mit Freunden draußen gespielt hatte, als sie beschossen wurden. Der Junge hatte eine schwere Beinverletzung. Vor allem war er traumatisiert, weil seine Freunde dabei getötet oder schwer verletzt worden waren. Einer von ihnen hatte eine offene Kopfwunde, bei der das Hirn hervorkam. Der Junge wurde mit ihm im Krankenwagen transportiert, seither wird er jede Nacht von Albträumen geplagt.


 

Es war das erste Mal, dass ich in einem aktiven Kriegsgebiet war. Ich bin Notfallärztin, ich spreche Arabisch. Ich dachte: Meine Arbeit wird gebraucht. Im März reiste ich nach Gaza.

Ich habe viele Fälle gesehen, in denen Kinder und Jugendliche angegriffen worden waren. Im Nasser-Krankenhaus habe ich ein 19 Monate altes Kleinkind behandelt, dem ein Quadrokopter ins Bein geschossen hatte, als es vor dem Zelt der Familie gespielt hatte. Die Nachbarn hatten beobachtet, was geschehen war.

Ich habe auch einen Jungen gesehen, dem ein Quadrokopter in die linke Seite der Brust geschossen hatte, am Tage, ebenfalls vor dem Zelt seiner Familie. Als er im Krankenhaus ankam, war er bereits tot.
 

An einem anderen Tag spielten Kinder auf dem Friedhof nahe dem Krankenhaus; ein Junge hob eine grüne Scheibe auf, die dann in seiner Hand explodierte. Das erzählten uns später Augenzeugen. Es war offenbar eine Landmine. Dort wo sein Gesicht gewesen war, war nun nur noch ein Krater. Sein linker Arm war abgerissen worden. Teile seines rechten Oberschenkels fehlten. Dieser Junge war kaum noch als Mensch zu erkennen. Als er im Krankenhaus ankam, starrten wir Ärzte ihn nur an, wir konnten nicht glauben, was wir sahen. Er war schon tot.

Meine palästinensischen Kollegen im Nasser-Krankenhaus erzählten mir, dass sie während der Belagerung über Tage nur Salzwasser zu trinken hatten. Einer erzählte, dass er nur jeden dritten Tag eine Dattel essen konnte.

Oft sah ich Schussverletzungen von Quadrokoptern und Schützen am Boden – bei jungen Männern häufig in der Leistengegend.

»Ein Kind sollte so etwas nicht tun müssen. Egal, wie viel psychologische Hilfe es später erhält – dieser Schaden wird bleiben.«
 
Tammy Abughnaim

Ich traf einen zehnjährigen Jungen, der mit den Krankenwagen mitlief. Er trug Leichen, grub nach Menschen unter den Trümmern, half den Notfallsanitätern. Er wollte unbedingt helfen. Ein Kind sollte so etwas nicht tun müssen. Egal, wie viel psychologische Hilfe es später erhält – dieser Schaden wird bleiben.

Im Al-Aqsa-Krankenhaus fehlten uns oft die einfachsten Dinge, Wundspray etwa. Wir verbanden Gliedmaßen mit Gummibändern, damit sie aufhörten zu bluten.

Wenn ich hier in Chicago nicht jeden Tag zur Arbeit gehen müsste, würde ich die ganze Zeit nur weinen. Es gibt viele Fälle, über die ich nicht sprechen kann. Oft frage ich mich: Wie soll ich nach dem, was ich gesehen habe, noch in dieser Welt leben?


 

Es gab diese eine Nacht, in der die Luftschläge ziemlich nah ans Aqsa-Krankenhaus kamen. Ich stand im OP-Saal, das Licht ging aus. Ich wusste, dass es gefährlich ist, aber ich dachte: Wenn ich jetzt sterbe, dann sterbe ich. In diesem Moment krachte es ganz in der Nähe. Für einen Moment stoppten wir und sahen uns an. Dann operierten wir weiter. Wir hatten schließlich einen Patienten auf dem Tisch.

Viele Behandlungen, die ich in Großbritannien nur machen würde, wenn der Patient betäubt ist, musste ich dort ohne Narkose durchführen. Kinder sind unter normalen Umständen schwierig zu behandeln. Sie können nicht stillhalten, du kannst sie auch nicht mit Worten überzeugen. Aber die Kinder in Gaza sind anders. Ich erinnere mich an solche mit schweren Verbrennungen, die ohne ihre Eltern ankamen. Sie weinten nicht einmal, sie lagen nur da und schauten uns an. Das verfolgt mich.

Viele Knochenbrüche konnten wegen Unterernährung kaum verheilen. Ein normaler Kinderknochen heilt in vier bis sechs Wochen. Dort habe ich Kinder gesehen, bei denen Brüche nach acht Wochen immer noch nicht verheilt waren.
 

Schwer unterernährte Dreijährige im Al-Aqsa-Krankenhaus: Ein Ort, wo es kaum Essen gibt Foto: Jehad Alshrafi / AP

Von unserer Unterkunft im Krankenhaus aus konnten wir das Leichenschauhaus sehen. Ich sah allein jeden Tag mindestens zehn bis 15 Trauerzüge, dabei stand ich ja die allermeiste Zeit im Operationssaal. Viele der Särge waren sehr, sehr klein.

Als ich das erste Mal zurück nach England kam, war ich bei meiner Familie zum Essen eingeladen. Meine Mutter hatte sehr viel gekocht. Ich habe sie gefragt: Wie kannst du so viel Essen auftischen? Ich bin gerade von einem Ort zurückgekommen, wo es kaum Essen gibt.


 

Internationale Organisationen evakuieren normalerweise ihr Personal, wenn Kämpfe auf 30 Kilometer an einen Einsatzort heranrücken. Der Gazastreifen ist aber nur insgesamt 40 Kilometer lang.

Gaza fühlt sich für mich an wie eine Filmkulisse. Im echten Leben, denke ich oft, können doch nicht ganze Wohngegenden derart zerstört sein.

»Seine Eltern waren tot. Ich sah ihn an und wusste, dass auch er sterben würde.«
 
Tahseen Qureshi

Eines Abends wurde unsere Unterkunft angegriffen. Sie war als sichere Unterkunft gekennzeichnet, die Koordinaten waren an die zuständige israelische Behörde durchgegeben worden. Jeder wusste, dass wir dort waren. Es war ein isoliert stehendes Haus.

Wir lagen im Bett und unterhielten uns im Dunkeln. Die ganze Zeit hatten wir Militärflugzeuge gehört. Plötzlich gab es einen Lichtblitz. Als Nächstes spürte ich eine gewaltige Explosion, als würde das Haus in die Luft gehoben und wieder auf den Boden fallen. Zum Glück wurde niemand verletzt. Aus dem Fenster konnten wir einen Krater sehen, vielleicht zehn Meter entfernt.

Um jetzt überhaupt noch arbeiten zu können, musste ich viel von dem Erlebten verdrängen. Was ich sicher weiß: Etwa 70 Prozent der Menschen, die ich operiert habe, waren Frauen und Kinder.

Ich erinnere mich besonders an den Fall eines etwa anderthalbjährigen Jungen. Er hatte Splitterverletzungen durch einen Luftangriff. Er hatte nur überlebt, weil sein Vater ihn umarmt hatte. Ein Splitter hatte dessen Körper durchschlagen und sich dann noch in das Kind gebohrt.

Ich erinnere mich auch an einen Sechsjährigen, dessen Körper von der Brust bis zum Unterleib offen war. Seine Gedärme hingen hinaus. Normalerweise würde man in einem solchen Fall intravenös ernähren. Aber in Gaza fehlten die Mittel. Also lag er da, verhungerte und verdurstete. Sein Körper verzehrte seine eigenen Muskeln. Er bestand wortwörtlich nur noch aus Haut und Knochen. Was braucht ein Kind, dem es so schlecht geht, am meisten? Seine Eltern. Aber seine Eltern waren tot. Ich sah ihn an und wusste, dass auch er sterben würde.

Ein Fall, an den ich mich besonders erinnere, ist der eines 13-jährigen Jungen. Bei ihm wusste ich nicht, ob es Schuss- oder Splitterverletzungen waren, nur, dass er Löcher in seinem Herzen hatte, in seinem Magen, in seiner Leber. Ich öffnete seine Brust, spreizte die Rippen und öffnete die Abdeckung zu seinem Herzen. Ich kann kaum beschreiben, wie viel Blut mir entgegenkam. Ich versuchte, die Löcher mit meinen Fingern zu stopfen, aber es sprudelte weiter. Dann stoppte sein Herz. Ich pumpte mit meiner Hand das verbleibende Blut durch seinen Körper, damit sein Gehirn nicht geschädigt wird. Ich überzeugte die anderen Ärzte weiterzumachen. »Das ist ein 13-Jähriger, sein Körper ist stark«, sagte ich. Wir konnten ihn retten. Am nächsten Tag sah ich ihn auf der Station, nicht wach, aber seine Pupillen reagierten, er war also nicht hirntot. Ich hatte das Herz eines Jungen in der Hand gehalten, der so alt war wie mein Sohn. So etwas vergisst du nicht.
 


BRON
DER SPIEGEL 49/2024 29 november 2024


 

 

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