Karl Marx (1818-1883) auf einem Druck aus dem Jahre 1899
In het 19e eeuwse Europa speelde het Tsaristische Rusland de rol als gendarme, die sinds de WOII en definitief na de Val van de Muur door de Verenigde Staten opgeëist wordt. In een recent artikel uit Blätter, waarvan hier de eerste paragraaf, komt deze voorgeschiedenis omstandig aan de orde. Of de vergelijking met Oekraïne mank gaat, zeker gelet op de rol van “het kapitaal”, laat ik aan het oordeel van de lezer over.
AUF EROBERUNG FOLGT EROBERUNG
Wie Karl Marx Russlands Krieg gegen die Ukraine betrachten würde
Timm Graßmann
Über weniges gehen die Meinungen innerhalb der Linken in Deutschland, aber auch in ganz Europa, so sehr auseinander wie über Russlands Angriff auf die Ukraine. Die einen sehen in ihm russischen Revisionismus am Werk, zur Wiederherstellung einstiger imperialer Größe, die anderen in vermeintlich materialistischer Tradition einen Stellvertreterkrieg im Dienst der imperialistischen Ambitionen der Vereinigten Staaten. Gemeinsam war den verschiedenen Lagern nur die Erschütterung darüber, dass es am 22. Februar 2022 tatsächlich zu diesem großen Eroberungskrieg gekommen ist. Für ihren Stichwortgeber Karl Marx hingegen wäre dies alles andere als eine Überraschung gewesen. Marx rang sein Leben lang mit dem eigentümlichen Expansionismus der russischen Autokratie und dachte über Mittel nach, mit denen man diesen einhegen könnte.
Keine Freiheit in Europa ohne die Unabhängigkeit Polens
Am 22. Januar 1867 wurde in der Londoner Cambridge Hall mit einer öffentlichen Veranstaltung des polnischen Aufstands von 1863 gedacht. Mit dem Aufstand reagierten die Polen darauf, dass ihre Republik von ihren Nachbarn ausgelöscht worden war. Dieser hatten sie 1791 eine auf Rousseaus Idee der Volkssouveränität und Montesquieus Prinzip der Gewaltenteilung beruhende Verfassung gegeben, doch in Antwort auf ihre demokratischen Bestrebungen teilten sich die drei Autokratien Russland, Preußen und Österreich die Rzeczpospolita untereinander auf und schlugen das annektierte Territorium ihren eigenen Staatsgebieten zu. Ein in der damaligen Geschichte Europas „beispielloser Gewaltakt“.1
Mit den drei Teilungen war Polen-Litauen, ein jahrhundertelang mitten in Europa bestehender Staat, von der Landkarte gestrichen worden. Die Polen versuchten, sich ihrer Unterdrückung gewaltsam zu entledigen und die Besatzer aus dem Land zu werfen, doch letztlich verfehlten ihre Aufstände allesamt dieses Ziel. Nach dem Scheitern der jüngsten, gegen die russische Teilungsmacht gerichteten Erhebung, die von den Truppen des Zaren kompromisslos niedergeschlagen wurde und die für Zehntausende Aufständische Hinrichtung oder Zwangsarbeit und Deportation nach Sibirien bedeutete, erließ die zaristische Regierung eine Reihe von Russifizierungsgesetzen, welche die polnische (wie auch die litauische und ukrainische) Sprache unterdrückten und Reste der politischen Autonomie Warschaus beseitigten.
Zur Londoner Gedenkveranstaltung am vierten Jahrestag des Aufstands hatten zwei Organisationen geladen, die aus heutiger Sicht als inkompatibel erscheinen mögen: die Londoner Gemeinde der Vereinigung der Polnischen Emigration, eine Organisation der Exil-Polen mit dem Ziel der Wiederherstellung eines demokratischen polnischen Staats, sowie die Internationale Arbeiterassoziation (kurz: IAA), ein Bund von Arbeitergesellschaften verschiedener Länder, der für die Herstellung einer klassenlosen Gesellschaft eintrat.
Besonders angriffslustig trat ein deutsches Mitglied des Generalrats der IAA auf. In ihrem Tagungsbericht lobte die Redaktion der polnischen Unabhängigkeitszeitung „Głos Wolny“ („Freie Stimme“) später, die Rede des Deutschen sei „voller treffender Einsichten und logischer Überlegungen“2 gewesen. In seinem Referat unterzog der Redner die russischen Bemühungen zur Zerschlagung Polens einer vernichtenden Kritik. Er sah darin den Ausdruck einer „unveränderbaren“ russischen Politik der territorialen Expansion und der Unterdrückung aller demokratischen Bestrebungen. Den herrschenden Klassen, der Presse und den Sozialisten Westeuropas hielt er vor, sich der russischen Außenpolitik nicht entschlossen genug entgegengestellt und keinen ernsthaften Beitrag zur Restauration eines unabhängigen Polens geleistet zu haben. Diesen „Verrat“ an den Polen würden sie selbst noch unangenehm zu spüren bekommen. Glaubten sie ernsthaft, dass der Zar sich mit jener Scheibe zufriedengeben würde, die er sich gerade wieder aus Polen herausgeschnitten hatte? Warschau wäre nur das Sprungbrett zu weiteren Aktionen Richtung Westen.
Der Redner entließ seine Zuhörer, indem er sie vor eine düstere Wahl stellte: „Vor Europa steht nur eine Alternative. Entweder wird die asiatische Barbarei unter Führung der Moskowiter wie eine Lawine über Europa hereinbrechen, oder es muss Polen wiederherstellen und damit zwanzig Millionen Helden zwischen sich und Asien stellen, um Zeit zu gewinnen für die Vollendung seiner sozialen Erneuerung.“3 Der Redner war kein Geringerer als Karl Marx.
Dass Marx, der zu dieser Zeit fieberhaft mit der Fertigstellung seines ökonomischen Opus magnum „Das Kapital“ beschäftigt war, prominent auf dem Polenkongress vortrug, kann keinesfalls als Kuriosum verstanden werden. Sein Auftritt war Ausdruck seiner langjährigen Bemühungen um eine eigenständige Außenpolitik der IAA, die für ihn oberste Priorität hatte.
Marx begann sein Referat mit einer beißenden Kritik an der Berichterstattung der englischen Presse. Obwohl es aus dem Westen zwar reichlich emphatische Anteilnahme, aber keine nennenswerte Unterstützung für den polnischen Aufstand von 1863 gegeben hatte, fühlte sich die Tageszeitung „The Times“4 bemüßigt, zuerst die Unmöglichkeit der polnischen Unabhängigkeit zu einer „Tatsache“ zu erklären und danach zynisch zu eruieren, ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, auf die Versöhnung der Polen mit ihrem „Schicksal“ hinzuarbeiten, anstatt sie in ihrem „hoffnungslosen Kampf“ anzufeuern. Angesichts der jüngsten russischen Beschlüsse zur Abschaffung ihres Staats, setzte Marx ein, habe die „Times“ die Polen aufgefordert, zu Moskowitern zu werden.
Auch unter den herrschenden Klassen im Westen, fuhr er fort, greife die Verblendung um sich. Russlands Vordringen in Asien, wo es immer wieder neue Gebiete eroberte und befestigte, war vorerst „unaufhaltsam“, doch selbst auf die beiden Westmächte Frankreich und England konnte man nicht zählen. Noch deren militärisches Vorgehen im Krimkrieg – bei dem der russische Anspruch auf Konstantinopel zurückgewiesen wurde – führte entgegen ihren Versprechungen zu keiner Verbesserung der Lage der Polen, wohl aber zur russischen Dominanz über den Kaukasus und das Schwarze Meer. Es sei der scheinheiligen Elite wichtiger, dass Moskau seine in der Londoner City aufgenommenen Anleihen pünktlich abträgt, als einer angegriffenen Republik im Osten des Kontinents unter die Arme zu greifen.
1. Andreas Kappeler, Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall, München 1992, S. 70.
2. Zit. nach Marx-Engels-Gesamtausgabe (im Folgenden MEGA), Band I/20, S. 1282.
3. Karl Marx, Draft for a Speech at the Polish Meeting in London, in: MEGA I/20, S. 247. (Übersetzung der fremdsprachigen Zitate hier und im Folgenden T.G.)
4. Vgl. „The Times“, 7.1.1867, S. 6.
LEES VERDER
Der Beitrag basiert auf Auszügen aus dem neuen Buch des Autors, „Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse“, das soeben in der Reihe BLACK BOOKS im Schmetterling Verlag erschienen ist.
Uitgelicht: IMAGO / Georgios Kollidas / Design Pics