Work hard, party hard

Tenez bon camarades, notre arme c’est la grève, mai 1968.


 

ÜBER GELD SPRICHT MAN, NICHT?

Hält das Geld die Welt zusammen oder die Menschen auseinander, fragt man sich beim Philosophicum Lech. Die Neiddebatte legt eher letzteren Schluss nahe.

Almuth Spiegler

 

Montage: Jorge Rottmann – © AP / APA

Die Dame war empört. Nein, sagte sie zum Richter, Einkommen habe sie keines, denn „ich habe Vermögen“. Wollte man vermessen, wo sich in Österreich die Reichen von den fast Reichen, den weniger Reichen und den gar nicht Reichen abgrenzen, wäre diese Episode vom 12. April 2007 aus dem Wiener Straflandesgericht ein guter Ausgangspunkt. 16 Mitglieder der früheren Eigentümerfamilien des Brauereikonzerns BBAG mussten sich des Vorwurfs erwehren, sie hätten beim Verkauf derselben an den Heineken-Konzern im Jahr 2003 auf Basis von Insiderinformationen höchst einträgliche und ebenso illegale Aktiengeschäfte gemacht.
 
Wer reich ist, klingt aus den Worten der Industriellengattin durch, hat Vermögen. Wer nicht, hat nur Einkommen. Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen hätte das in seinem berühmten Essay „The Theory of the Leisure Class“(1899) nicht pointierter ausdrücken können. „Reichtum bringt Ehre, und die Unterscheidung zwischen Reichen und Armen ist neiderfüllt“, schreibt er in dieser Untersuchung der „feinen Leute“. Wo sich in barbarischen Gesellschaften die kräftigen Männer einzig der Politik, dem Krieg, dem Priestertum und der Jagd widmeten – lauter „unproduktiven Tätigkeiten“, wie Veblen festhielt –, da standen bei den alten Adelshäusern und neuen Industriedynastien des ausgehenden 19. Jahrhunderts der Sport, die guten Sitten, das Reisen und der demonstrative Konsum: allesamt Bürgen eines müßig verbrachten Lebens.
 
Dafür braucht es natürlich Geld, doch ist dieses in Veblens Deutung nicht bloß Zahlungsmittel, sondern die Fortsetzung jener Trophäen, mit denen die Alphamännchen einst ihren Erfolg bei der Jagd und in der Schlacht dokumentierten. Somit ersetzt das Anhäufen von Reichtum allmählich die „Trophäe der räuberischen Heldentat“.
 
Veblens Werk ist eine unterhaltsame Satire. Zeitgemäß ist es nicht mehr, sagt Manfred Prisching, Soziologe an der Universität Graz. Die „Leisure Class“reicher Müßiggänger gebe es heute nur mehr in den „Seitenblicken“. Freilich: Im Gegensatz zu den Adeligen und Großbürgern von 1899 rekrutieren sich die Herrschenden heute nicht aus dieser „Bussi-Bussi-Gesellschaft“, die ständig demonstrieren muss, wie viel Geld und – vor allem – wie viel Spaß sie hat. „In der ernsthaften Welt ist das überholt. Bill Gates stellt sich nicht hin und sagt: ,Seht, ich liege den ganzen Tag am Pool.‘“
 
Die Welt der Anwaltsanwärter, die spät nachts im Büro ausharren, der Architektinnen in schicken Ateliers mit Glasfassade, denen jeder Passant beim Arbeiten über die Schulter sehen kann, ist dagegen vom calvinistischen Arbeitsethos durchdrungen. Also von der Vorstellung, dass weltlicher Erfolg der Indikator für Tugendhaftigkeit ist und Geldverdienen ein Gnadenbeweis.
 
Aber nicht nur. Beziehungsweise: nur zum Teil. Denn die atemberaubenden Produktivitätszuwächse des Industriezeitalters warfen irgendwann die Frage auf, wer denn all die Waren kaufen solle, die von den tayloristischen Förderbändern liefen. Für das protestantische Tugendpaar Sparsamkeit und Mäßigung ist im Zeitalter der Grenzenlosigkeit der Bedürfnisse kein Platz mehr – auch nicht im katholisch geprägten Mitteleuropa, wo man eher ein Kamel durchs Nadelöhr schlüpfen lässt als einen Reichen die Fahrkarte in den Himmel lösen.
 
Und so wird suggeriert, dass es immer mehr von allem geben könne, wir davon aber stets zu wenig hätten, sagt Prisching. „Arbeite hart und habe Spaß“ lautet die Losung der Millionen von „Ich-Aktiengesellschaften“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wo alle anderen großen Erzählungen wie das Christentum und der Sozialismus den Bach runtergegangen sind, wie Prisching sagt. „Work hard, party hard“: Wem nur mehr der Verweis auf das eigene Erleben bleibt, dem wird das Geld zum Mittel der Selbstfindung.
 
Und zwar egal, ob es Vermögen oder Einkommen heißt.

 


Bron: Die Presse18 september 2008

 

Uitgelicht: bron

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