Iring Fetscher
KARL MARX – EIN BLATT, EIN BILD, EIN WORT
„Selbst die ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammen genommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer …“
Karl Marx hat wiederholt und mit großer Deutlichkeit auf die umweltzerstörende Wirkung der kapitalistischen Produktionsweise hingewiesen, war aber offenbar davon überzeugt, dass erst eine „höhere Gesellschaftsformation“ imstande sein werde, die Naturgrundlagen humaner Existenz zu schützen und zu bewahren.
Im ersten Band des Kapital hebt Marx diese Wirkung namentlich am Beispiel der agrarischen Produktion hervor: „Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in der Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika zum Beispiel von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“. (MEW Bd. 23, S. 529, 530 MEGA zweite Abteilung Bd. 5, S. 410–411).
In einem Brief an Friedrich Engels macht Marx auf die Schrift eines bayerischen Botanikers aufmerksam, in der dieser schon 1847 auf die Natur schädigenden Auswirkungen der Zivilisation (nicht erst der kapitalistischen) hingewiesen hatte: „Sehr interessant ist Carl Fraas (1847): ‚Klima und Pflanzenwelt in der Zeit, eine Geschichte beider’, nämlich zum Nachweis, daß in historischer Zeit Klima und Flora wechseln. Er ist vor Darwin Darwinist und läßt die Arten selbst in historischer Zeit entstehen. Aber zugleich Agronom. Er behauptet, daß mit der Kultur – entsprechend ihrem Grad – die von den Bauern so sehr geliebte ‚Feuchtigkeit’ verloren geht (daher auch die Pflanzen von Süden nach Norden wandern) und endlich Steppenbildung eintritt. Die erste Wirkung der Kultur nützlich, schließlich verödend durch Entholzung. Dieser Mann ist ebensosehr grundgelehrter Philolog (er hat griechische Bücher geschrieben) als auch Chemiker, Agronom etc. Das Fazit ist, daß die Kultur – wenn naturwüchsig vorschreitend und nicht bewußt beherrscht (dazu kommt er natürlich als Bürger nicht) – Wüsten hinter sich zurückläßt, Persien, Mesopotamien, Griechenland, etc. Also auch wieder sozialistische Tendenz unbewußt!“ (MEW Bd. 32, S. 52 f.)
Im dritten Band des Kapital verweist Karl Marx auf das mit der Bewahrung der Naturgrundlagen humanen Lebens vereinbare neue Verhältnis der Menschheit zur Natur: „Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen, wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst die ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesell- schaften zusammen genommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“. (MEW Bd. 25, S. 784).
Die Werke von Paul Burkett, Alfred Schmidt und Francis Wheen zeigen in besonderer Weise, welche Bedeutung das Marx’sche Naturverständnis im Marxismus hat beziehungsweise wie das Naturverständnis von Karl Marx heute betrachtet wird.
AANBEVOLEN
Paul Burkett – Marxism and Ecological Economics, Leiden, Boston 2006.
Iring Fetscher – Marx-Biographie in der Reihe „Meisterdenker”, Freiburg 1999.
Karl Marx – Das große Lesebuch. Herausgegeben von Iring Fetscher, Frankfurt a. M. 2008.
Alfred Schmidt – Geschichte und Struktur. Fragen einer marxistischen Historik, Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1978.
Francis Wheen – Karl Marx, München 2001.
BRON
Jahrbuch Ökologie 2009 – september 2008
Bron uitgelichte foto: © Encyclopedia of Marxism