Feiten en propaganda

RIMPAC 2022: U.S. Army, German Special Operations Forces conduct Live-fire training


 
Is het nog mogelijk in het tijdperk waar desinformatie en propaganda de boventoon voeren, waarbij uiteraard hoor en wederhoor uitgesloten is, deze te becommentariëren, op omissies en op het verdraaien van feiten te wijzen? Nee, het behoort inmiddels praktisch tot de onmogelijkheden. dergelijke pogingen zijn tevens grotendeels zinloos geworden vanwege het beperkte bereik t.o.v. de stortvloed aan reguliere, eenstemmige berichtgeving, die als belangrijkste drijfveer heeft het behagen van machthebbers.
 


 
 

„DDR-BÜRGERRECHTLER“ UND „ARD-FAKTENCHECKER“: SIE MOBILISIEREN FÜR DEN KRIEG

Vor den Wahlen wird dem Bündnis Sahra Wagenknecht vorgeworfen, Lügen und russische Narrative zu verbreiten. Sevim Dagdelen schreibt, das sei Manipulation. Ein Gastbeitrag.

Sevim Dagdelen

 

Sevim Dagdelen ist außenpolitische Sprecherin der BSW-Gruppe im Bundestag und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss.
Jessica Lichetzki/dpa

Dem Bündnis Sahra Wagenknecht werden für die kommenden Wahlen im September zweistellige Ergebnisse in Umfragen prognostiziert. Auch wenn Umfragen keine Wahlergebnisse sind, scheint zu gelten: Je näher die Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg rücken, umso stärker nehmen Versuche zu, Positionen des BSW zu diskreditieren, insbesondere was die Forderungen der Partei nach einem sofortigen bedingungslosen Waffenstillstand in der Ukraine angeht.

So hat der Historiker Ilko-Sascha Kolwaczuk einen Beitrag veröffentlicht, der von Mitgliedern der „Bürgerbewegung in der DDR“ unterzeichnet wurde und die CDU auffordert, keine Koalition mit dem BSW wegen der Positionen zur Ukraine einzugehen. Dabei versucht der Beitrag das Märchen in die Welt zu setzen, BSW-Position sei: „in Kiew würden Faschisten herrschen“. Dies sei doch eine Lüge und gebe die Position Russlands wieder, und deshalb sei das BSW eine „prorussische“ Partei, von der abzuraten sei.
 

 

Korruption und Verbot von Oppositionsparteien

Der Brief geht dabei nach der Methode des Pappkameraden vor, der erst selbst aufgebaut und dann natürlich auch getroffen wird. Es scheint bei den vorgetragenen Unterstellungen zu stören, dass das BSW eine kritische Position gegenüber der Regierung der Ukraine hat. Im Antrag der BSW-Gruppe im Bundestag gegen die Eröffnung von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine wird dazu unter anderem kritisch festgestellt: „Nazi-Kollaborateure und Verantwortliche für Massaker an Tausenden Juden, Polen und Russen wie Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch werden in der Ukraine staatsoffiziell geehrt (siehe ‚Nationalhelden und Nazi-Kollaborateure‘ in Jüdische Allgemeine vom 18.01.2024; Bundestagsdrucksache, 05.06.2024 20/11653).“
 
Die Ukraine eignet sich aber auch aus vielen anderen Gründen nicht für die Projektion eines Kampfes Demokratie versus Autokratie. Zu schwer wiegen das Verbot von Oppositionsparteien in der Ukraine, die massive Pressezensur, die Einschränkung der Arbeit der Gewerkschaften und die Diskriminierung der russischen Minderheit, die Zwangsrekrutierung Zehntausender kriegsunwilliger Ukrainer und die nach Angaben von Transparency International grassierende Korruption.

 

Sahra Wagenknecht, Parteivorsitzende des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)
Bernd von Jutrczenka/dpa

 

Viele Ostdeutsche werden verleumdet

186 Milliarden Euro soll nach EU-Angaben der EU-Beitritt der Ukraine kosten, das halten wir zum einen für eine finanzielle Überforderung der Bevölkerungen in der EU, aber zum anderen auch für eine Aushebelung der von der EU selbst gesetzten Kriterien. Der skandalöse Staatskult um die Nazi-Kollaborateure wie Stephan Bandera kommt hinzu. Es erschreckt, dass die Bürgerbewegten davon offenbar nichts wissen wollen. Herr Kolwaczuk ist in der Vergangenheit als Verteidiger des ehemaligen ukrainischen Botschafters Melnyk aufgetreten, der sich zu Bandera bekannt und für die Ukraine an dessen Grab in München einen Ehrenkranz hinterlassen hat. Es ist sträflich, wenn man meint, den Krieg in der Ukraine um jeden Preis fortführen und diese offenkundigen Fehlentwicklungen nunmehr beschweigen zu wollen, im selbst gestreuten Verdacht, dies nähre doch nur das russische Narrativ. Es ist ein moralischer Offenbarungseid, das Erbe der Bürgerbewegung in der DDR „Schwerter zu Pflugscharen“ mit Füßen zu treten.

So erklärt sich auch, warum sich nicht nur im Osten immer mehr Menschen von den etablierten Parteien abwenden: Weil sie es leid sind, wenn sie etwa auf den faschistischen Bandera-Kult in der Ukraine hinweisen oder eine Einstellung der üppigen Finanz- und Waffenhilfe an die Ukraine fordern, als Putin-Unterstützer verleumdet zu werden. In Umfragen lehnen 55 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Beitritt der Ukraine zur Nato ab, im Osten sogar 70 Prozent. Sind diese Menschen dann alle „Putin-Unterstützer“?
 

Unser Kampf gegen Rechtsextreme

Wenn es nach den Bürgerbewegten geht, würde Wladimir Putin noch nie so viel Unterstützung in Deutschland gehabt haben wie heute. Verstanden wird nicht, dass es hier um Positionen geht, die sich gegen eine Ausweitung des Krieges wenden und für die ein herbeigesehnter Siegfrieden gegen die Atommacht Russland in der Ukraine keine vernünftige Haltung ist. Auch wenn man die Position nicht teilt, dass rechtsextreme Kräfte in der Ukraine einen erheblichen Einfluss in der Gesellschaft haben – wie etwa die Asow-Bewegung „mit ihrem regulären Regiment bei der ukrainischen Nationalgarde, ihren Verbindungen in die Führung des Innenministeriums, ihrer Partei Nationales Corps, ihrer unbewaffneten Bürgerwehr ‚Nationale Gefolgschaften‘ (Nazionalni drushyny) und diversen anderen Ablegern“, so die Bundeszentrale für politische Bildung –, müsste man doch, wenn man ein ernsthaftes demokratisches Anliegen hat, zumindest innehalten.

Sicherlich könnte man einwenden, diese Bewegung habe sich entideologisiert, auch wenn sie sich weiterhin der NS-Symbolik bedient. Aber zur Kenntnis nehmen sollte man schon, dass diese Bewegung Kooperationspartner der dominierenden rechtsextremen Formation Dritter Weg in Deutschland ist. Wie kann der Kampf gegen Rechtsextreme in Deutschland aber glaubwürdig geführt werden, wenn man hinsichtlich Kiews beide Augen zudrückt?
 

Kiew im Jahr 2019: Während eines Protestzuges ukrainischer Nationalisten hält ein Demonstrant ein Porträt des Separatistenführers Stepan Bandera (l.).
picture alliance/dpa

 

Tatsachen überfordern die Faktenchecker

Der Aufruf dieser Bürgerbewegten scheint diese Fragen nicht mehr zuzulassen, da sie offenbar die gewollte Mobilisierung für den Krieg stören. Er steht damit in einer Reihe mit einer Verhärtung von Positionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die ganz im Stile der Kriegspropaganda an der Konstruktion eines inneren Feindes arbeiten, der angeblich mit dem äußeren Feind kollaboriere.

Eine Verhärtung, die sich auch nicht daran stört, dass Sahra Wagenknecht auf ihre Ferne zum russischen Oligarchenkapitalismus hinweist oder etwa der BSW-Europaabgeordnete Fabio De Masi im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages in den Fokus des der Russland-Spionage Beschuldigten ehemaligen Agenten des österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, Egisto O. sowie von dessen Kollegen Martin W. geriet, der den flüchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek unterstützt haben soll. Allerdings scheinen Tatsachen die fragwürdigen Faktenchecker offenbar zu überfordern.
 

Perfidie der Kriegspropaganda

Unter der Überschrift „Auf Linie mit der russischen Propaganda“ ist hier an erster Stelle der Journalist Pascal Siggelkow vom ARD-„faktenfinder“ zu nennen. Siggelkow, der sich mit grotesken Recherchen – etwa: bei dem Anschlag auf Nord Stream sei „Sprengstoff in Form von Pflanzen“ verwendet worden – einen Namen gemacht hat, versucht sich für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Wahrheitsinstanz. Wer sich für einen sofortigen bedingungslosen Waffenstillstand und ein Einfrieren des Krieges ausspricht, gilt den GEZ-finanzierten Faktenfindern als „Russische Diktat-Friedensbewegung“. Ziel ist es offenbar, alle, die sich gegen eine Fortführung des Krieges aussprechen, als Kreml-Apologeten zu brandmarken. Das Vorgehen erinnert, so sehr es auch nicht mit Absicht geschieht, an die Kriegspropagandisten des Ersten Weltkriegs, die die Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg regelrecht herbeischrieben. Oder auch an die Kampagne der Bild-Zeitung gegen die 68er-Bewegung, die im Mordanschlag an Rudi Dutschke gipfelte.

Ein anderes Beispiel ist die Kontroverse um die Höhe der deutschen Militärausgaben, und auch hier fällt die besondere Perfidie der Kriegspropaganda auf. Sahra Wagenknecht solle doch bitte nicht die exorbitante Höhe der deutschen Militärausgaben (mehr als 90 Milliarden) kommunizieren, sondern doch bitte nur die niedrigeren Zahlen des deutschen Verteidigungshaushalts erwähnen, wo etwa die Ausgaben für die Auslandseinsätze oder die direkten Überweisungen an die Nato nicht mit enthalten sind. Also behauptet der besagte ARD-Faktenfinder in einer ersten Version, dass Sahra Wagenknecht mit den 90 Milliarden falsch liege.
 

Ein orwellsches Szenario

Nachdem der Faktenfinder offenbar die Fakten einer „Tagesschau“-Meldung von Juni 2024 findet, wird die Falschbehauptung wie folgt korrigiert: „Zwar gab die Bundesregierung gegenüber der Nato an, für Verteidigung und Sicherheit insgesamt 90,6 Milliarden Euro auszugeben, behilft sich dabei allerdings mit Rechentricks: So sollen unter anderem auch Zinsen für Rentenzahlungen oder Entwicklungshilfeausgaben mit einberechnet sein.

International werden die Ausgaben für das Militär aber genau so angegeben. Das Stockholmer Friedensinstitut Sipri veröffentlicht die Zahlen jedes Jahr, und selbstverständlich werden hier auch die Rentenfonds bei Russland oder China und allen anderen Staaten in die Militärausgaben mit einberechnet, nur im Fall von Deutschland soll es nach dem ARD-Faktenfinder anders sein. Wer die Zahlen gemäß internationalen Standards vorträgt, der wird hier der Lüge bezichtigt. Ein orwellsches Szenario.
 

Abbruch der Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland

Das besondere Kennzeichen der deutschen Kriegspropaganda ist in jedem Fall das Schmoren im eigenen Saft. Während man in den USA frühere falsche Positionen ohne mit der Wimper zu zucken abräumt, kann man in Deutschland weiterhin die alten, international längst widerlegten Falschbehauptungen von der Wahrheitswarte der öffentlichen Faktenfinderei weiterspinnen. Ein besonders gravierendes Beispiel ist die Frage der Verantwortung der USA und des britischen Premiers Boris Johnson für den Abbruch der Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland im Frühjahr 2022.

Siggelkow schreibt: „So hat Wagenknecht bereits mehrfach behauptet, dass die Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Frühjahr 2022 angeblich vom Westen torpediert worden seien.“ Aber es hätte auch noch andere Gründe für den Abbruch der Verhandlungen gegeben, so der Faktenfinder. Und damit meint er die BSW-Gründerin schon wieder der Lüge überführt zu haben. So lächerlich wie ignorant. In der renommierten außenpolitischen amerikanischen Fachzeitschrift Foreign Affairs erschien beispielsweise am 16. April 2024 ein sehr ausführlicher Artikel über „The Talks That Could Have Ended the War in Ukraine. A Hidden History of Diplomacy That Came Up Short – but Holds Lessons for Future Negotiations“ von Samuel Charap und Sergey Radchenko, die sowohl berichten, dass die Verhandlungen selbst nach Butscha weitergingen, als auch die Rolle Boris Johnsons und der USA klar beschreiben. Übersetzungen hätten sich bei der ARD sicher anfertigen lassen können.

Man könnte den Eindruck gewinnen, die derzeitige Funktion von Teilen der öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland wäre es, ihren Lesern kritische Informationen vorzuenthalten. Der ARD-Faktenfinder arbeitet aber mit seiner Ausrichtung der öffentlichen Berichterstattung auf eine Diskreditierung des BSW hin und tut dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt selbst keinen Gefallen. Je stärker auf eine Diffamierung von Opposition gesetzt wird mit dem Ziel, einen nicht gewinnbaren Krieg unbedingt weiterzuführen, umso mehr wird die Akzeptanz bei der Bevölkerung schwinden, für eine zur Propaganda verstümmelte Berichterstattung weiterhin Geld bezahlen zu müssen.  
 


AUTEUR
Sevim Dagdelen ist außenpolitische Sprecherin der BSW-Gruppe im Bundestag und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss.


BRON
Berliner Zeitung7 augustus 2024


 

 

Uitgelichte foto: bron

Geef een reactie

Deze site gebruikt Akismet om spam te verminderen. Bekijk hoe je reactie gegevens worden verwerkt.