Apocalypse soon

Yoneyama Keisuke


 
Meermaals hebben sinds 1945 gezagsdragers in de USA overwogen om atoomwapens in te zetten, tot heden toe. Over het nucleair wapenbestand van Israël zwijgt McNamara opvallend genoeg.
 
 

APOCALYPSE SOON

“Blundering into Disaster” (1986)
Duitse vertaling (1987)

 
 
Sechzig Jahre nach Hiroshima steht die Welt am Rande einer neuen nuklearen Katastrophe. Robert S. McNamara, ehemaliger US-Verteidigungsminister, beschwört seine Landsleute: Abrüsten, jetzt!
 

Robert S. McNamara

 
Es mag stark vereinfachend und provokant klingen, doch ich würde die aktuelle Atomwaffenpolitik der Vereinigten Staaten als unmoralisch, illegal, militärisch nicht notwendig und schrecklich gefährlich bezeichnen. Die Gefahr eines versehentlichen oder unbeabsichtigten Atomraketenstarts ist unannehmbar hoch. Weit entfernt davon, dieses Risiko zu verringern, hat die Bush-Regierung signalisiert, am Atomwaffenarsenal als Rückgrat ihrer militärischen Macht festzuhalten – eine Verpflichtung, die gleichzeitig internationale Normen untergräbt, die die Verbreitung von Nuklearwaffen und spaltbarem Material für 50 Jahre begrenzt haben. Vieles der aktuellen US-Atomwaffenpolitik war schon im Gange, bevor ich Verteidigungsminister wurde und es ist in den Jahren seither nur gefährlicher geworden. Auch die diplomatischen Auswirkungen sind verheerend.
 
Heute besitzen die Vereinigten Staaten ungefähr 4500 gefechtsbereite strategische Offensivwaffen mit nuklearen Sprengköpfen. Russland hat ungefähr 3800. Die strategischen Kräfte Großbritanniens, Frankreichs und Chinas sind mit 200 bis 400 Nuklearwaffen pro Staat beträchtlich kleiner. Die neuen Atommächte Pakistan und Indien besitzen jeweils weniger als 100 Waffen. Nun behauptet auch Nordkorea, Atomwaffen entwickelt zu haben. US-Nachrichtendienste schätzen, dass Pjöngjang genügend spaltbares Material für zwei bis acht Bomben hat.
 
Wie zerstörerisch sind diese Waffen? Der durchschnittliche amerikanische Gefechtskopf hat eine Sprengkraft, die dem 20-Fachen der Hiroshima-Bombe entspricht. Von den 8000 aktiven oder funktionsfähigen US-Sprengköpfen sind 2000 in permanenter höchster Einsatzbereitschaft und 15 Minuten nach einem Alarm startbereit. Wie werden diese Waffen eingesetzt? Amerika hat der politischen Richtlinie, „keinen Erstschlag“ auszuführen, nie beigepflichtet, nicht während meiner sieben Jahre als Minister oder danach. Wir sind und bleiben darauf vorbereitet, den Einsatz von Nuklearwaffen zu initiieren – durch die Entscheidung einer einzigen Person, des Präsidenten – gegen einen Feind, der entweder Atomwaffen besitzt oder auch nicht, wann immer wir glauben, dass dies in unserem Interesse sei. Seit Jahrzehnten sind die amerikanischen Nuklearwaffen robust genug gewesen, einen Erstschlag zu überstehen und dem Gegner anschließend noch vernichtende Schäden zuzufügen. Dies war immer die Grundlage unserer nuklearen Abschreckung und muss es weiterhin sein, solange wir mit einem möglichen Gegner, der Atomwaffen besitzt, konfrontiert sind.
 
Zu meiner Zeit als Verteidigungsminister hatte der Kommandant des US Strategic Air Command stets ein Telefon bei sich, egal wo er sich aufhielt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Das Telefon des Kommandanten, dessen Hauptsitz in Omaha, Nebraska lag, war über eine sichere Leitung mit dem unterirdischen Befehlsposten des „North American Aerospace Defense Command“ verbunden, tief im Inneren des Cheyenne-Mountain in Colorado, sowie mit dem Präsidenten, wo immer dieser gerade war. Der Präsident hatte die Freischaltcodes für die Atomraketen stets zur Hand – im so genannten „Football“, einem Aktenkoffer, der ihm ständig von einem US-Militäroffizier hinterhergetragen wurde.
 
Der SAC-Kommandant hatte Order, das Telefon nicht später als nach dem Ende des dritten Klingelns abzunehmen. Wenn es klingelte und ihn informierte, dass ein nuklearer Angriff feindlicher Langstreckenraketen im Gang zu sein schien, waren ihm zwei bis drei Minuten erlaubt, zu entscheiden, ob die Warnung echt war (und über die Jahre haben die USA viele falsche Warnungen erhalten), und wenn dem so war, wie das Land darauf reagieren solle. Ihm blieben dann weiterhin ungefähr zehn Minuten, um festzulegen, was zu empfehlen sei, den Präsidenten zu orten und zu beraten, dem Präsidenten zu gestatten, die Lage mit zwei oder drei nahen Beratern zu erörtern, vermutlich dem Verteidigungsminister und den Joint Chiefs of Staff, die Entscheidung des Präsidenten zu empfangen und sie unverzüglich den Abschussbasen zu vermitteln. Der Präsident hatte im Wesentlichen zwei Optionen: Er konnte entscheiden, die Attacke auszusitzen und einen Vergeltungsschlag auf später verschieben. Oder er konnte einen sofortigen Vergeltungsschlag auf eine Auswahl an möglichen Zielen befehlen und somit amerikanische Nuklearwaffen starten, die auf militärisch-industrielle Ziele des Gegners gerichtet waren. Unsere Gegner in Moskau hatten und haben vermutlich ähnliche Vorbereitungen getroffen.
 
Die ganze Situation erscheint so bizarr, dass man es kaum glauben kann. An jedem einzelnen Tag, an dem wir unseren Alltagsgeschäften nachgehen, ist der amerikanische Präsident darauf vorbereitet, innerhalb von 20 Minuten eine Entscheidung zu treffen, die eine der verheerendsten Waffen der Welt freisetzen könnte. Um Krieg zu erklären, braucht es einen Beschluss des Kongresses, aber um einen nuklearen Vernichtungsschlag zu starten, dafür brauchen der Präsident und seine Berater bloß eine Bedenkzeit von 20 Minuten. Genau das ist die Situation, mit der wir seit 40 Jahren leben. Von sehr wenigen Änderungen abgesehen, ist dieses System, einschließlich des „Footballs“, dem ständigen Begleiter des Präsidenten, dasselbe geblieben.
 
Ich war in der Lage, einige dieser gefährlichen Vorgehensweisen und Prozeduren zu ändern. Meine Kollegen und ich begannen Rüstungskontrollegespräche; wir setzten Wachschutz ein, um die Gefahr von unautorisierten Raketenstarts zu verringern; wir fügten den Atomkriegsplänen weitere Optionen hinzu, damit der Präsident bei seiner Reaktion nicht zwischen alles oder nichts wählen musste, und wir beseitigten die anfälligen und provozierenden Atomraketen in der Türkei. Ich wünschte, ich hätte mehr getan, aber wir waren mitten im Kalten Krieg. Die Vereinigten Staaten und unsere NATO-Verbündeten waren mit einer starken Bedrohung durch die konventionellen Waffen der Sowjets und des Warschauer Pakts konfrontiert. Viele unserer Verbündeten (und auch einige in Washington) glaubten fest daran, dass es nötig war, an der Möglichkeit eines Erstschlags festzuhalten, um die Sowjets in Schach zu halten. Was jedoch entsetzt, ist, dass noch heute, mehr als eine Dekade nach dem Ende des Kalten Krieges, die grundlegende Atomwaffenpolitik Amerikas unverändert ist. Sie wurde dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht angepasst. Das Mindeste, was wir tun könnten, ist alle strategischen Kernwaffen aus dem permanenten höchsten Alarmzustand zu nehmen. Diese simple Änderung würde die Gefahr eines versehentlichen Atomschlags entscheidend verringern. Außerdem würde sie anderen Staaten signalisieren, dass die USA langsam damit aufhören, ihr Vertrauen in Atomwaffen zu setzen.
 
Mit besten Absichten verpflichteten wir uns, weiter auf die schlussendliche Beseitigung der Kernwaffenarsenale hinzuarbeiten, als wir 1968 den Atomwaffensperrvertrag aushandelten. Im Mai trafen sich Diplomaten aus mehr als 180 Nationen in New York, um den Vertrag zu besprechen und zu prüfen, inwieweit seine Mitglieder sich an die Vereinbarungen halten. Amerika konzentriert sich aus verständlichen Gründen darauf, Nordkorea zu überzeugen, wieder in die Vertragsrunde zurückzukehren sowie stärkere Beschränkungen von Irans Atomprogramm-Ambitionen auszuhandeln. Jene Staaten müssen überzeugt werden, die Versprechen zu halten, die sie gaben, als sie den Sperrvertrag ursprünglich unterzeichneten – dass sie nämlich, im Gegenzug für den Zugang zur friedlichen Nutzung der Kernenergie, keine Atomwaffen bauen würden. Die Aufmerksamkeit vieler Nationen, darunter einige potenzielle frisch gebackene Atommächte, ist jedoch auch auf die Vereinigten Staaten gerichtet. So viele Waffen zu besitzen und sie permanent in höchstem Alarmzustand zu halten, deutet stark darauf hin, dass Amerika nicht ernsthaft auf die Beseitigung seines Arsenals hinarbeitet und wirft beunruhigende Fragen auf wie diese: Warum sollte sich dann irgendein anderer Staat bei seinen nuklearen Ambitionen zurückhalten?
 

EINBLICK IN DIE APOKALYPSE

Die zerstörerische Kraft von Atomwaffen ist weithin bekannt. Ein Report aus dem Jahre 2000 von den „Ärzten gegen den Atomkrieg“ beschreibt die wahrscheinlichen Effekte einer einzelnen 1-Megatonnen-Bombe – von denen sich Dutzende in russischen und amerikanischen Depots befinden. Am Ort der Detonation erzeugt die Explosion einen Krater von über 90 Metern Tiefe und 365 Metern Durchmesser. Innerhalb einer Sekunde entzündet sich die Atmosphäre selbst zu einem Feuerball von fast einem Kilometer Durchmesser. Die Oberfläche des Feuerballs strahlt nahezu dreimal so viel Licht und Hitze wie ein vergleichbarer Bereich der Sonnenoberfläche ab, löscht in Sekunden sämtliches Leben darunter aus, breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und verursacht an Menschen in einer Entfernung von 1,5 bis fünf Kilometer blitzschnell schwere Verbrennungen. Eine Druckwelle komprimierter Luft durchmisst in ungefähr zwölf Sekunden eine Distanz von fünf Kilometern und drückt Fabriken und Geschäftsgebäude platt zu Boden. Der Explosionsschutt, der durch Winde mit über 400 Kilometer die Stunde durch die Gegend gefegt wird, fügt lebensgefährliche Verletzungen zu. Mindestens 50 Prozent der Menschen in diesem Bereich sterben sofort mehr als an Verletzungen durch radioaktive Strahlung oder dem sich anschließend entwickelnden Feuersturm.
 
Natürlich ist unser Wissen um diese Wirkungen nicht ganz hypothetisch. Atomwaffen von ungefähr einem Siebzigstel der Energie der gerade beschriebenen 1-Megatonnen-Bombe wurden im August 1945 zweimal von den Vereinigten Staaten eingesetzt. Eine Atombombe fiel auf Hiroshima. An die 80000 Menschen starben sofort; letztlich starben insgesamt circa 200000. Später wurde eine Bombe ähnlicher Größe auf Nagasaki abgeworfen. Am 7. November 1995 erinnerte sich der Bürgermeister von Nagasaki als Zeuge des Internationalen Gerichtshofs an den Angriff:

„Nagasaki wurde zu einer Stadt des Todes, in der nicht einmal mehr das Geräusch von Insekten zu hören war. Nach einer Weile begannen sich unzählige Männer, Frauen und Kinder für einen Schluck Wasser am Ufer des nahe gelegenen Flusses Urakami zu sammeln. Ihre Haare und Kleidung waren versengt, ihre verbrannte Haut hing in Fetzen herab, wie Lumpen.

Um Hilfe bettelnd starben sie einer nach dem andern im Wasser oder zuhauf am Ufer… Vier Monate nach der Atombombe waren 74000 Menschen tot und 75000 hatten Verletzungen erlitten. Damit waren zwei Drittel der Stadtbevölkerung diesem Unheil zum Opfer gefallen, das über Nagasaki kam wie eine Vorwegnahme der Apokalypse.“

Warum mussten so viele Zivilisten sterben? Weil sie, die fast 100 Prozent der Opfer von Hiroshima und Nagasaki ausmachten, leider eng in der Nähe der japanischen militärisch-industriellen Ziele lebten. Ihre Vernichtung war zwar nicht die erklärte Absicht derer, welche die Bomben warfen – doch es war das unvermeidliche Resultat der Wahl jener Ziele. Man sollte nicht vergessen, dass die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges angeblich Dutzende von nuklearen Gefechtsköpfen allein auf Moskau gerichtet hatten, weil es so viele militärische Ziele enthielt und so viel „Industriekapazität.“
 
Vermutlich zielten die Sowjets auf ähnlich viele amerikanische Städte. Die Behauptung, dass unsere Kernwaffen nicht per se auf Bevölkerungen zielen, war und ist total irreführend. Der so genannte „Kollateralschaden“ bei großen Atomschlägen würde Dutzende von Millionen unschuldiger getöteter Zivilisten umfassen. Atombomben verstrahlen wahllos mit einer Geschwindigkeit und Endgültigkeit, die nahezu unverständlich sind. Genau das ist es, womit Länder wie Amerika und Russland, mit Atomwaffen in ständiger höchster Alarmbereitschaft, jede Minute eines jeden Tages in diesem neuen 21. Jahrhundert bedrohen.
 

SIEGEN UNMÖGLICH

Ich habe mehr als 40 Jahre an der Thematik der US- und NATO-Kernwaffenstrategie und ihrer Kriegspläne gearbeitet. Während all dieser Zeit habe ich nie ein Papier gesehen, das einen Plan umriss, der es den Vereinigten Staaten oder der NATO erlaubte, den Einsatz von Kernwaffen zu initiieren und gleichzeitig selbst irgendeinen Nutzen davon zu haben. Ich habe diese Aussage viele Male vor Publikum, unter anderem vor Verteidigungsministern der NATO und hohen militärischen Befehlshabern, wiederholt. Niemand hat sie je widerlegt. Nuklearwaffen gegen eine gegnerische Atommacht loszuschicken, käme einem Selbstmord gleich. Sie gegen einen Gegner zu schicken, der keine Atomwaffen besitzt, wäre militärisch schlicht überflüssig, moralisch obszön und politisch unhaltbar.
 
Ich habe diese Schlüsse schon sehr bald gezogen, nachdem ich Verteidigungsminister geworden war. Obgleich ich glaube, dass die Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon Johnson meine Ansicht teilten, war es keinem von uns möglich, öffentlich solche Aussagen zu machen, weil sie der gängigen NATO-Politik total entgegenliefen.

 


Bron: Cicerowww.cicero.de


Uitgelicht: bron

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