Castratie

· cultuur, feminisme, literatuur
Authors

Ballade von der kastrierten Puppe

 

1

in Bayern wo die Dörfer
alt und finster sind
lebt ein Dorfschullehrer
mit Frau und Kind
er belehrt die Jungen
und die Mädchen all
über Fleiß und gute Sitten
und über den Sündenfall

doch eines Tages schickte
Tante Lucie aus Paris
der Bettina eine Puppe
die Hildebrand hieß
der Hildebrand konnte
lachen und weinen
und hatte ein Schwänzchen
zwischen den Beinen

was habe ich den gemacht
meine liebe Mutter?
ich träume jede Nacht:
du kämst mit einem Messer
und hättest mich umgebracht!

Schermafbeelding 2014-01-15 om 04.47.192

Bettina springt herum
und tanzt einen Ringelreihen
sie läuft zu ihrem Vater
um die Puppe zu zeigen
“was eine Jungenpuppe
in meinem sauberen Haus?
das Ding fliegt gar bald
zu den Fenstern hinaus!

weh dir ich seh dich
mit Hildebrand spielen
und dich mit dem Bengel
auf der Straße rumsielen!
wie konnte Tante Lucie
sich dazu erdreisten?
ich als Lehrer kann
mir sowas nicht leisten.”

was habe ich denn gemacht…

3

doch während der Herr Lehrer
als zuverlässiger Christ
am nächsten Sonntagmorgen
in der Dorfkirche ist
– die Mutter schläft noch
und taub ist ihr Ohr –
sucht Betti ihren Hildebrand
aus dem Kleiderschrank hervor

zufällig wohnt ein Puppen-
doktor im Hause nebenan
dessen kinderlose Frau
gar nicht anders kann
als alles was geschieht
emsig zu belauschen
und jedes Ereignis
gehörig aufzubauschen

was habe ich denn gemacht…

Schermafbeelding 2014-01-15 om 04.47.534

Frau Doktor gewöhnt
sich zu verstecken
stand eine Weile
hinter den Rosenhecken
und als sie Bettina
und Hildebrand schaut
überzieht sie sich ganz
und gar mit Gänsehaut

“Betti pfui schäm dich!
mit deiner Zunge
zu küssen zu schlecken
den Puppenjunge!”
Bettina erschrocken
stopft den Hildebrand
ins Blumenbeet und
tief in den Sand

was habe ich denn gemacht…

5

Frau Doktor klagt und zetert:
“Betti du bist ja entartet!
ach deine arme Mutter
die gerade ein Baby erwartet!”
und der Herr Lehrer packte
das schuldlose Puppenkind
und eilte mit ihm hinüber
zum Puppendoktor geschwind

“Herr Doktor dieser Rüpel
der bringt mich noch ins Grab
schneiden Sie ihm doch bitte
sofort dieses Ding da ab!”
und zu Betti: “was heulst du
wie eine kleine wilde?
aus deinem Hildebrand
wird eben eine Hilde!”

was habe ich denn gemacht…

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seitdem fing Bettina an
alles und jeden zu hassen
tagtäglich zerwirft sie
Teller und Tassen
die Mutter schlägt mit
der Stirn an die Scheibe
und sagt “Bettina
hat den Teufel im Leibe”

der Vater kann Kinder-
schmerz nicht ermessen
er selber hatte Hilde-
brand längst vergessen
“warum lachst du nicht
und singst keine Lieder
für deine Mutter?
sie kommt bald nieder!”

was habe ich denn gemacht…

7

wer huscht durch Nachbars
Blumenbeete und Hecken
um die öde Puppenpraxis
bei Nacht zu entdecken?
wer klebt mit der Nase
am staubigenWerkstattfenster
und begutachtet dort
die blassen Puppengespenster?

Bettina bewundert
voller entzücken
die augen die Stimmchen
und die Perücken
Nähzeug und Zangen
kleine Messer Pinzetten
“ach wenn wir doch auch
solch Werkstatt hätten!”

was habe ich denn gemacht…

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Bettina kletter leise
ins leere Gartenhaus
und sucht sich eine Zange
und zwei Messerchen heraus
welche Freude! Bettina
singt und trällert wieder
denn ihre Mutter kam
mit einem Brüderchen nieder

sie schleicht und trippelt
auf Zehenspitzen heim
dort oben der weiße Mond
flüstert “laß sein, laß sein!
wirf schnell die Zange
und die Messerchen weg!”
trotzdem hat Bettina alles
in ihrem Zimmer versteckt

was habe ich denn gemacht…

9

die Mutter sagt “Bettina
uns leuchtet neues Licht
jeder von uns beiden
hat nun seine Pflicht
du trägst deine Hilde
stolz und sicher im Arm
und ich halte den Christian
in seinem Bette satt und warm”

doch kaum ist die Mutter
ein paar schritte gegangen
sieht man Bettinas Hände
nach Christians Decke langen
“ich werde dir gleich helfen
du verdammtes Luder!
was machst du da eigentlich
mit deinem kleinen Bruder?”

was habe ich denn gemacht…

10

der Bruder schläft bei Betti
in ihrem Kinderzimmer
sie tappt um sein Lager
ohne einen Lichtschimmer
Sie preßt ihr dickes Kissen
dem Christian aufs Gesicht
“so magst du ruhig weinen
die Mutter hört es nicht.”

Bettina tanzt und jubelt
ist lustig wie eine Biene
“Mutter ich habs geschafft
aus Christian ward Christine!”
die Mutter eilt ans Bettchen
das Blut tropft ihr in den Schuh
der Christian ist gestorben
seine liebe Seele hat Ruh

was habe ich denn gemacht
meine liebe Mutter?
ich träume jede Nacht:
du kämst mit einem Messer
und hättest mich umgebracht

Helga M. Novak – 1975 – © Rotbuch Verlag

Schermafbeelding 2014-01-15 om 05.09.02Abstruse – Paul Klee 1934

 

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