NS-Wirtschaft und Großraum – 1


 

Die Vorkriegsjahre – Konsolidierung und Weichenstellung deutscher Wirtschaftsplanung

 
Während der Vorkriegsjahre entwickelte sich die deutsche Wirtschaft relativ stabil. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum lag in den Jahren 1933 – 36 bei ca. 9%, die Industrieproduktion zog an und vor allem ging die Arbeitslosenzahl von rund 6 Millionen bei Regierungsantritt der NSDAP auf bis 1,6 Mio. drei Jahre später zurück. Dies war für die Stabilisierung der Machtverhältnisse des NS-Regimes notwendig und brachte dem nationalsozialistischen Deutschland den Ruf eines „Wirtschaftswunderlandes“ ein, der sich teilweise bis in die Neuzeit gehalten hatte. Neuere wirtschaftshistorische Forschungen zeichnen allerdings ein ganzes anderes Bild. Weder profitierte die Bevölkerung wirklich anteilig an der Konjunkturbelebung, noch steuerten die Wirtschafts – und Politikeliten einen wirklich langfristig stabilen wirtschaftspolitischen Kurs. Spätestens 1938 wurde durch die aggressive Außenpolitik (Einmarsch in die Tschechei, Überfall auf Polen) die Chance zunichte gemacht an die Angebote der Appeasement-Politik des angelsächsischen Raums anzuknüpfen. Damit folgte in Konsequenz die Weichenstellung auf eine reine Kriegs- und Raubwirtschaft, die bereits 1941 mit den Materialschlachten im Russlandfeldzug und dem Kriegseintritt der USA gescheitert war. Was diese Politik einzig langfristig erreichte, war eine an der Kriegslogistik ausgerichtete Umstrukturierung und Kartellierung des zentral- und südosteuropäischen Wirtschaftsraumes, auf deren Basis dann die Bundesrepublik Deutschland und später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft entstand.
 
 
naziplakat_europas_freiheit
 
Es war nicht auch nicht die Konjunkturpolitik der Nationalsozialisten, die den Beginn des Wiederaufschwungs der deutschen Wirtschaft aus der Depression bewirkt hatte. In Deutschland war – wie in den meisten anderen Industrie- und in vielen überseeischen Rohstoffländern – der Schrumpfungsprozess der Wirtschaft bereits im Laufe des Jahres 1932 an ein Ende gelangt. Nach Berechnungen des Instituts für Konjunkturforschung hatte die Weltindustrieproduktion schon zwischen Sommer 1932 und Anfang 1933 um rund sieben Prozent zugenommen und sie stieg im ersten Halbjahr 1933 um mehr als 20 Prozent weiter an.

In den Jahren 1933-34 war die Arbeitsbeschaffung eines der vordringlichsten Ziele. Die geplanten Maßnahmen waren im Juli 1932 im Strasserschen Sofortprogramm – ab Januar 1933: „Nationalsozialistisches Arbeitsbeschaffungsprogramm“ festgeschrieben. Dies wirkte sich am stärksten in der Bauwirtschaft aus, wohin ein Großteil der verwendeten Mittel flossen (vor allem in Tiefbauprojekte). Diese Programme waren bereits von den Vorgänger-Regierungen von Schleicher und von Papen aufgelegt worden und beschäftigten Ende 1933 rund 300.000 Arbeiter. Demgegenüber waren beim Bau der Reichsautobahnen Ende 1933 nur ca. 3.900 Arbeiter beschäftigt. Im gleichen Zeitraum wurden alle neu zugelassenen Personenkraftwagen und Motorräder von der Kraftfahrzeugsteuer befreit (April 1933) Die Zahl der Neuzulassungen von Pkw stieg daraufhin 1933/34 von 9.000 auf 26.000, ging danach aber wieder zurück. Der Arbeitsdienst in der Industrie- als Institution 1931 geschaffen – zeigte keine großen Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt. Oktober 1932 waren 250.000 Personen in diesem Rahmen beschäftigt, eine Zahl, die sich bis 1937 nicht wesentlich erhöhte. Erst in den Kriegsjahren bekam der Arbeitsdienst, allerdings unter den Paradigmen der Zwangsarbeit und Lagerpolitik, eine völlig neue Dimension. Vor allem die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (März 1935) führte zu einer spürbaren Entlastung des Arbeitsmarktes um ca. eine Million Menschen.

Desweiteren griff die neue Regierung zu einer Reihe von gesetzlichen und politischen Maßnahmen, die sich direkt auf die Arbeitslosenstatistik auswirkten. Per Gesetz wurde ein sogenanntes Ehestandsdarlehen gewährt, was an die Bedingung geknüpft war, das die frisch verheiratete Frau aus jeglichem Beschäftigungsverhältnis auszuscheiden hatte. Zusätzlich wurde eine politische Kampagne gegen das Doppelverdienertum gestartet, die sich vor allem bei verheiratete Frauen in einem Arbeitsverhältnis auswirkte. Diese hatten bereits seit Mitte 1931 keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld und wechselten dann in die unsichtbare Arbeitslosigkeit und fielen somit aus der Statistik heraus. Im März 1933 wurde im Kontext des Arbeitsdienstes die Landhilfe eingeführt, bei der vor allem arbeitslose Jugendliche als Helfer in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Im Arbeitsdienst und in der Landhilfe Tätige wurden ebenfalls nicht als Arbeitslose gezählt und statistisch nicht erfasst. So verringerte sich, durch den bereits 1932 einsetzenden konjunkturellen Aufschwung und die beschriebenen Maßnahmen, die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen bis Anfang 1934 auf unter 4 Millionen. Diese hochpolitische Zahl wurde seitens der NS-Propaganda als eine Halbierung der Arbeitslosigkeit dargestellt und Adolf Hitler als der Bezwinger der Massenarbeitslosigkeit gefeiert.

Arbeitslose Berlin 1933

Im Februar 1934 mussten sich mit dem Gesetz zur „Vorbereitung des organischen Aufbaus der deutschen Wirtschaft“ die vorherigen Unternehmensverbände auflösen und in eine streng hierarchische, zentralistische Verbandsstruktur eingliedern, dessen Führer vom Reichswirtschaftsministerium bestellt wurden. Gebildet wurden 5 Reichsgruppen, denen 44 Wirtschaftsgruppen unterstanden; darunter standen die Bezirksgruppen, denen am Ende die einzelnen Betriebe angegliedert waren. Eine weitere zentrale Gesetzesinitiative war das Reichsnährstandgesetz vom September 1933. Es schuf im Kontext der Agrarkartellierung einen Zwangsverband, der alle ernährungswirtschaftlichen Betriebe erfasste. Neben der ideologischen, sozialpolitischen und kulturellen Betreuung durch die Reichsbauernführer konnte mit dieser Gleichschaltung der landwirtschaftlichen Organisation vor allem die gesamte agrarwirtschaftlichen Produktion und das Marktgefüge gesteuert werden. In der Organisation des Reichsnährstandes waren Mitte der dreißiger Jahre ca. 17 Millionen Mitglieder registriert.

Sämtliche Gewerkschaftsorganisationen wurden bereits 1933 zerschlagen. Mit dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit (Januar 1934) wurde das Betriebsrätegesetz und die Tarifvertragsordnung aufgehoben und die innerbetriebliche Organisation nach dem Führerprinzip ausgerichtet. Arbeitnehmer und Arbeitgebergeber wurden in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zusammengeführt, die eher eine Erziehungs- und Betreuungsfunktion wahrnahm. Mit der als Unterorganisation gegründeten „Kraft durch Freude“ (KdF/Nov. 1933) wurden großen Teilen der Arbeiterschaft kulturelle und touristische Freizeitaktivitäten ermöglicht. Ein 14-tägiger KdF-Sommerurlaub am Tegernsee kostete 54 Reichsmark und ein dreitägiger Kurzausflug zum Bodensee war mit 7,90 Reichsmark auch für Industriearbeiter erschwinglich, deren Urlaub von 3 auf 6 Tage erhöhte wurde. Der Arbeitsmarkt und Arbeitsverhältnisse wurden hingegen zunehmend reglementiert. Seit 1935 musste jeder Arbeitnehmer ein Arbeitsbuch besitzen, das beim Arbeitgeber hinterlegt werden musste. Änderungen des Arbeitsverhältnisses waren nur mit Zustimmung des zuständigen Arbeitsamtes möglich. Ab 1938 konnten Arbeitskräfte im Rahmen „staatspolitisch wichtiger“ Projekte zwangsverpflichtet werden; dies traf 1940 auf ca. 1,4 Mill. Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft zu.

Die durchschnittlichen Stundenlöhne stiegen seit 1934, statistisch gesehen, langsam an. 1935 waren sie im Mittel um vier Prozent höher als 1933. Da aber der Lebenshaltungskostenindex sich im gleichen Umfang erhöhte, gab es in den Brieftaschen der Arbeiter keinen realen Zugewinn. Dies lag u.a. an den auf die Kriegswirtschaft ausgerichteten Importrichtlinien und der Agrarpolitik. So zogen die Preise für Bekleidung von 1933 bis 1935 um rund 10% an – eine Konsequenz der Beschränkung der Einfuhr von Textilfasern zugunsten rüstungswichtiger Rohstoffe. Die Großhandelspreise für Agrarprodukte erhöhten sich sogar um 18%. Ein weiterer Teil vom Lohnzuwachs wurde von sogenannten freiwilligen Abzügen vom Bruttolohn für DAF, Winterhilfswerk und ähnliche Spenden- und Sparaktionen aufgebraucht. Im Durchschnitt belief sich der nominale Nettowochenlohn von Industriearbeitern 1938 auf rund 32 RM, während er 1928 etwa 38 RM betragen hatte. Damit war die Summe, die der Arbeiter pro Woche ausbezahlt  erhielt, 1938 um mehr als 15 Prozent niedriger als 1928. Insgesamt gesehen wurden alle Parameter des Reallohns für Jahre auf das Depressionsniveau heruntergedrückt, so dass der Anteil der Löhne am Volkseinkommen umso stärker zurückging, je schneller sich die Arbeitsverhältnisse zur Voll- und Überbeschäftigung weiter entwickelten. Ein Charakteristikum der nationalsozialistischen Sonderkonjunktur.

Straßenbahn 1925

Weitergehend wurden einzelne Komponenten des sozialen Sicherungssystems abgebaut, vor allem Invalidenrenten, Pflegesätze für Behinderte und chronisch Kranke. So wurden immer größere Teile der erwerbsunfähig gewordenen Unterschichten sozial ausgegrenzt – die physische Vernichtung begann dann nach Kriegsbeginn. Das deutsche Sozialprodukt stieg insgesamt an, wurde aber größtenteils für Rüstungsausgaben und nicht für die Erhöhung des Lebensstandards verwendet. Die Ernährungs- und Konsumgewohnheiten blieben trotz des ökonomischen Aufschwunges eher bescheiden. So lag der Fleischverbrauch 1938 noch unter dem Niveau von 1929, aber dafür verdreifachte sich der Absatz von Marmelade. Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung verschlechterte sich aufgrund des „rassisch“ bedingten Rückgang der Ärztezahl: ca. 16 % der Ärzte wurden zwischen 1933 und 1938 aus ihrem Beruf gedrängt. Das Volumen der verschiedenen Arbeitsbeschaffungsprogramme seit 1933 belief sich auf etwa sechs Milliarden Reichsmark. Im Vergleich mit den Rüstungsausgaben des NS-Regimes, die von 720 Millionen Reichsmark im Jahre 1933 auf – insgesamt, bis Kriegsbeginn 105 Milliarden RM stiegen – wird das Übergewicht der Rüstungsförderung deutlich, die zum raschen Abbau der Arbeitslosigkeit und einem scheinbaren konjunkturellen Aufschwung führte.

Der deutsche Mittelstand wurde nicht weniger ge- und enttäuscht. Anstelle sich erfüllender Hoffnungen auf wirtschaftliche Prosperität und einen angestammten Platz in dem von den Nationalsozialisten propagierten Volkskörper wurden im Zuge des zunehmenden Wirtschaftsdirigismus der anlaufenden Kriegswirtschaft viele Kleinbetriebe wegrationalisiert, bzw. mussten aufgeben. Weder wurden die Großkaufhäuser verstaatlicht, noch die Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft aufgehalten. Nur größere Geschäfte konnten von der ökonomischen Aufstiegsentwicklung der späten 1930er profitieren. Das NS-Regime verstärkte, was es zu bekämpfen versprochen hatte: den gesellschaftlichen Wandel von einer kleingewerblich mittelständischen Ordnung zu einer großwirtschaftlichen Struktur. Die Entmachtung der Führungsriege der SA und um den Ideologen Gregor Strasser mit dem sogenannten „Röhm-Putsch, setzte dann einen Schlussstrich und legte die Weichenstellung auf eine Wirtschaftspolitik der Großkonzerne fest. Nicht wenige Menschen aus dem alten Mittelstand in Handwerk und Einzelhandel, wie auch aus der arbeitenden Klasse konnten ihren wirtschaftlichen Niedergang oder sozialen Entrechtung entgehen, bzw. kompensieren, indem sie sich zu Profiteuren der Arisierung entwickelten. Indem sie sich an der kleinteiligen Neuverteilung des Besitzes von Millionen von Menschen beteiligten, denen das Lebensrecht abgesprochen wurde.

„Moreover, the turnover tax on big business was reduced to one-half per cent on all commodities, while for little business it was raised to 2 per cent. The decree establishing price ceilings was eliminated so that Big Business under Hitler was able to raise prices on numerous occasions. Thus in two years immediately preceding the outbreak of the present war, tens of thousands of small businessmen were able to get prices which just barely covered their own costs, and sometimes were even lower. That is why small businesses were liquidated on a mass scale in Germany. The government of the Third Reich, a long time before the outbreak of the war, had passed the death-sentence on over one million members of the middle class, and carried it out, thus profiting the wealthiest sections of German finance-capital. The result is inevitably the same: a blood-letting without parallel and impoverishment all along the line. Hitler’s regime of a ‚people’s community‘ and elimination of the class struggle has hastened, as no previous regime has done, the crystallization of classes in German society, dealing terrible blows to the middle class and favoring the upper ten thousand in striking fashion. In ten years of the Nazi regime the lower middle class in Germany has been more ruined and declassed than in the preceding 50 years.“

George Seldes; “Facts and Fascism”,  In Fact, Inc., New York, 1943
 


LITERATUUR EN VERWIJZINGEN
 
Hans-Ulrich Thamer: Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz – 2005
Christoph Buchheim: Das NS-Regime und die Überwindung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland – 2008 (PDF)
Wikipedia – Wirtschaft im Nationalsozialismus
Lemo – NS-Regime, Industrie und Wirtschaft

 

 

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