Adorno

Mark Hessling: Suspects


 

Vor 40 Jahren, am 6. August 1969, starb Theodor W. Adorno. In KONKRET 2/2000 befaßte sich Jürgen Roth mit dem Unternehmen der neudeutschen Vollidiotensoziologie, die Kritische Theorie abzuschaffen, und überprüfte deren tatsächliche Aktualität anhand einer Sammlung der Radiovorträge Adornos.
 

Jürgen Roth

ADORNO CAMPTE NICHT

“Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maß des subsumierenden Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug, es wäre bloß Exemplar. Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.”
 

Theodor W. Adorno: “Negative Dialektik”

“Adorno hat uns jungen Studentinnen und Studenten ungeheuer imponiert”, erinnerte sich kürzlich Elisabeth Lenk (“FAZ”, 23.10.99), “nicht nur, weil er in seinen Vorlesungen auf virtuose Weise stundenlang frei und druckreif sprechen konnte, und zwar so, daß er immer mit einem imaginären Gesprächspartner dialogisierte, sondern auch dadurch, daß er zugleich in den Medien präsent war, was damals noch vor allem den Rundfunk betraf … Es war die Art des Sprechens, des sorgfältigen Formulierens, eine aussterbende (und heute fast ausgestorbene) Kunst, die mir imponierte.”

Dem frisch nachrückenden Typus des Kulturwurstlers gilt weder das Gespräch, das vermittelnde, rücksichtsvolle, Probleme hervortreibende, konturierende und transzendierende Verhandeln der Sache – und nicht des Habitus, der Affektiertheit, des Chics – , irgend etwas noch der Gedanke, der erst zu sich kommt, findet er seine Form und geht er zum kurrenten Gewusel auf Distanz. Präsenz allerdings ist gefordert. Forsches Gequackel dominiert. Eine vollends lächerliche, kostenlose “Abrechnung” mit “der deutschen Hochkultur” unternimmt z. B. im Rahmen des jüngsten Ullstein-Projekts “Quadriga – Generation Berlin” der “promovierte Medienwissenschaftler” Jürgen Bräunlein, notorisch geworden mit “Ästhetik des Telefonierens” (1997). Seine komplett überraschungsfreie und paradigmatisch dämliche Schrift “Schön blöd – Der unheimliche Medienerfolg der Untalentierten” “spürt dem bizarren Phänomen nach”, warum V. Feldbusch, G. Horn, Lump und Co. – neueste Insignien der “Kultur- und Bewußtseinsindustrie” (Adorno) – endgültig jeden Einwand, jeden Maßstab der Kritik obsolet werden lassen.

Was er in den Slips seiner Trashheroen “lustvoll” erschnüffelt, mufft tatsächlich wie’s jungdeutschrevolutionäre Pop-Berlin-Feuilleton der “FAZ”. Ebenda, zu Berlin, scheint nicht nur die standorttypische, spezifische “Berliner Kultur” sich durchgerangelt und -gesetzt, sondern der Geist auch zu den hierzulande üblichen Hochqualitäten gefunden zu haben – vorzüglich als Bekleidungskultur der beautiful Berliner Republik: “Trittin hockt schon mal im Berliner Promischuppen Paris Bar und läßt sich durch die Fensterscheibe bestaunen. Auch Guido Westerwelle schneidet nicht schlecht ab: Zu Fragen des Lifestyles nimmt er in diversen Illustrierten gerne und nicht zu knapp Stellung.” Das, schwafelt Bräunlein, wahrscheinlich Mitglied der “Generation Berlin” (Bräunlein), “macht uns alle glücklich”, daß nämlich “die Camp-Kultur, die endlich auch Deutschland erreicht hat”, “alles vermischt”: “Günter Grass guckt ›Peep‹!”

“Wow!” fiepte Andy Warhol, “wauwau!” kötert Bräunlein und unterwirft sich dem Terror der Oberfläche, jener Mixtur aus purer Machtarroganz, repräsentativem Dandytum und schreiender Nichtigkeit, dem Lack und Leder der Affirmation. “Gib uns die Scheiße!” feiert der Zwangscharakter John Waters’ “Pink Flamingos” (“Im Finale des Films findet sich dann jene Szene, mit der ihr (des Transvestiten Glenn Muldoon, genannt ›die Göttliche‹;J. R.) Aufstieg zum Star begann: Sie verspeist frischen Hundekot”) und gibt die Marschrichtlinie ins transgressive Crossoverzeitalter vor – das zur letzten Jahreswende, wir berichteten (KONKRET 2/99), freilich bereits Reichshauptkulturamtsleiterin Dana Horakova (“Bild”) ausgerufen hatte.

“Oft genug ist Camp die Rache”, erläutert Bräunlein. “Dann pißt es dem Wahren und Guten ans Bein, mit Grandezza und im eleganten Bogen.” Ein schönes Bild, ein Entertainmentprogramm des Bohememittelstandes für die Schröderwelles dieser singulär geschmacksverwirrten und aufgeblähten, gierigen und hysterisierten Republik, der Ausfluß des alles einschmierenden und verschleimenden Popparadigmas, in dessen Rahmen jeder Knarz und Alltagsaspekt, jede Regung und jeder Schritt zur “Kunst” erklärt, manisch ästhetisiert wird. Kultur für alle, proklamierte ehedem die Sozialdemokratie Hilmar Hoffmanns, Kultur ist alles, preisen die Lettern heute, denn alles ist Kultur. Und ergo nix mehr.

Die Kultur der Nullen treibt die Nullkultur hervor – ob konzerngebaute (Michael Jackson), kultinstitutionalisierte (Ed Wood) oder jene diverser Identitätssubkontexte. “Die Sehnsucht nach der Echtheit des falschen Gefühls” (Guildo Horn) generiert offenbar nicht lediglich Techniken des “Create yourself!” (eine Art Bastel- oder Häkelarbeit, von der gelungenen Individuation und vom autonomen Ich so weit entfernt wie der Mars von Mama Erde); nein, der Wahrheit hilft sie auf die Sprünge. “Bei Feldbusch sind ihre medialen Unfälle Sequenzen der Wahrheit”, und Wahrheit meint: das Glück der Begünstigten und Starken, Etablierten, Hinaufkatapultierten, Durchsetzungsfähigen (“Glückliche Verona. Sie kennt keine kleinlichen Ängste, die zum Hormonhaushalt der meisten Versager gehören”), meint darüber hinaus: Bejahung.

Mitlachen ist die neue deutsche Pflicht – Kultur definitiv Müll, Dreck und Bückseife. “Man lacht nicht über, sondern mit Camp”, verkündet Bräunlein. Ironie, gar solche, die der einzelne sich selbst angedeihen ließe, gehört der Katz’. Nahtlos geht, wer’s Dasein zelebriert, im Bestehenden, im Angebot der Zeichen, Waren und sinnlichen Values, auf. Bequem dünkt das Leben zwischen Kuschelecke, Danceparaden, Clubs, Jeff Koons, B-Movie und Talkshow. “Es ist das Erleben einer gescheiterten Ernsthaftigkeit, die beglückt und nicht enttäuscht”, denn Enttäuschung bedeutete, die Täuschungen (der Inszenierung, des Scheins) zu destruieren. Jetzt triumphieren die “Untalentierten”, die – Figuren aus dritter Hand und genauso versiert – erlebt sein wollen. Kunstrezeption, bei Adorno eine Frage des Nachvollzugs und der Versenkung in die Komposition, ward ubiquitär. Das Leben lebt nicht mehr, deshalb erleben wir, und das Erleben gleicht einer Erfahrung zweiter Ordnung, jener des Mythos: der blinden Anerkennung des “sekundären semiologischen Systems” (Roland Barthes).

Froh hinter Gittern, kindlich staunend vor den “Mythen des Alltags”, glücklich, dumm zu sein – Bräunleins Apologie plaudert den Zeitgeist aus, “die Entdeckung der Welt als Bilderbuch”: “Es ist die intelligente Rache der ersten Fernsehgeneration an der Gutenberg-Galaxis ihrer Eltern. Haben sich die Alt-68er die Welt noch lesend erschlossen, finden die Jüngeren vor allem visuell Zugang zu ihr, sie denken in Bildern.”

Woran genau rächen sich die Affenrudel? Und was goutieren sie statt dessen? Ihr Feldzug zertrümmert den Bildungskanon. “Seien Sie doch mal locker!” posaunt der Schnösel und diagnostiziert, die Respektlosigkeit, ein anderes Wort für Unkenntnis, komme “dem nach ästhetischem Vergnügen Dürstenden aller Schichten entgegen. Wie im Fall der klassischen Musik.” Dieser Fall “täuscht darüber, daß nichts, was mit Fug Bildung heißen darf, voraussetzungslos ergriffen werden kann” (Adorno, “Theorie der Halbbildung”). Die Voraussetzungslosigkeit jedoch hat sich zur Voraussetzung gemausert, der postmoderne Schwatz möge den selbst aufgerichteten negativen Götzen der Hochkultur ein letztes Mal anbeten. “Einst gehörte die klassische Musik”, schnabelt Bräunlein, “zum Entertainment einer kleinen Gruppe von Menschen: lateinisch sprechenden Studienräten und vitalen Bankierswitwen. Jetzt endlich hat sie auch die Ohren von Woolworth-Verkäufern und Friseusen erreicht. Dank der ›Drei Tenöre‹.”

Quel Tabubruch! Quel Witz! Quel liberation all across the mighty nation! “Fußballstadien … sind zu Kultstätten der Volksbildung geworden: Klassik unter freiem Himmel bei frischer Luft”, ein New sport listening wohl avec Picknick mood, strahlender Gesinnung und “Beinfreiheit”, deutsche Befreiung zwischen Radlerhosensaum und Sockenrand. “Verständlich, denn wer hat nicht schon unter dem engen Gestühl in Schauspiel- und Opernhaus gelitten?”

Adornos Theorie der Halbbildung nahm dazumal den Casus des Buches “Great Symphonies”, welches zwecks Einprägung ›zeitloser‹ Hauptthemen empfahl, einzelnen Motiven singbare Worte zu unterlegen (statt “Dadadadaa, dadadadaa” etwa “I am your fate, come, let me in!”), zum Anlaß, von der “Explosion der Barbarei” zu sprechen, von einem opaken, Klassiksampler und das inferiore Klassik-Radio durchrumpelnden, prophetischen Idiotismus, “dem kaum ein milderer Name als satanisch gebührt”. Es wird, schloß er, “Menschen, die einmal jene Themen mit den Greuelworten auswendig gelernt haben, schwer möglich sein, je wieder von den Worten sich zu befreien und die Musik überhaupt noch als das zu hören, was sie ist.”

Allein, die Vorliebe für “singletaugliche Opern-Smash-Hits ohne die störenden Rezitative dazwischen” (Bräunlein), die elende Versklavung durch den Nudelbetrieb, kommt Bräunlein, dem “Lehrbeauftragten für Literatur”, regelrecht zupaß. Der “Kulturmix der Zukunft” beerdigt die lästige Vergangenheit, die Ambition zu wissen, wie es um (inner- und außerästhetische) Verläufe und Traditionen bestellt sei, und revidiert die Grundlagen aller bisherigen Kunstgeschichte: “Die Oper wie auch der Bildungsroman, den Goethe so gewaltsam vorantrieb (“Wilhelm Meisters Lehrjahre”), wurden erfunden in einer trägen, ereignislosen Zeit, damals, als Menschen noch länger ruhig sitzen konnten, ohne gleich Hämorrhoiden zu bekommen.”

Gewiß, der Geist der Zeit ist der Arsch der Welt. Um ihn legen sich die Windeln des Camp, des Bad smell und “Bad taste” (Bräunlein), und “darin steckt kritisches Potential”, der Podex der Poppostmoderne, Gestalt geworden in Joachim “Hamburg-Mannheimer” Kaiser (“In einfachen Sätzen spricht hier [in der “Bunten”; J. R.] ein Professor zu den Menschen”), Casanova (“Mustergültige Kunst? Was soll das? Auch Casanova wählte seine Frauen nicht nach bestimmten Kriterien aus”), Camp-Propagandistin und Sarajevo-Vortänzerin Susan Sontag (“keine Professorin ohne Unterleib”), Ulf “Mode- und DJ-Kulterer” Poschardts “SZ-Magazin” (“Bosheit ohne Zynismus, Ernst ohne Moral, Spaß ohne intellektuelle Verklemmtheit”, eben “frech” und anti-“lustfeindlich”), Leander Haußmann (“Ihm ist es zu verdanken, daß den Theaterintendanten in Deutschland ein neues, modernes Image anhaftet”), irschendwie plötzlich Goethe (“Goethe war bisexuell”) und Punkgeiger “Nigel Kennedy, der angeblich sehr oft keine Unterhosen trägt”; sowie, den Höllenkreis des “neuen, modernen Images” zu komplettieren, Schröders Schranzencrew, da “unser Kanzler” Garderobe zu 10.000 Mark “locker spazierenträgt … Das ist neu in unserem Land.”

Wo Kohl – der bald wirklich zu schätzende, gemütliche, unbeholfene Mann, der retrospektiv nicht völlig abwegig verkörpert, was Adorno an Hegel bemerkte: “der Herkunft die Treue” zu halten, sei “Bedingung eines starken Ichs und jeglicher Erhebung des Gedankens” – ; wo Kohl “resistent gegenüber ästhetischen Reizen” war, initiiert Schröder die “ästhetisch-kulturelle Wende”: “In schlimmen Zeiten kann ein schöner Mantel Seelenfrieden stiften. An so etwas dachte Helmut Kohl in seiner Amtszeit keine Minute lang.” Auch konsultierte er nie Wolfgang Joop, der neuerdings plüstert: “Gott beschütze unseren schicken Kanzler.” Das ist denn auch die erbärmliche ideologische Quintessenz des breiten Lobes der Identifikation mit der Macht und deren Insignien: “Wir gehen keinen finsteren Zeiten entgegen, vielmehr befinden wir uns inmitten einer aufgeklärten Heiterkeit. In Deutschland herrscht Aufbruchsstimmung. Im Politischen wird sie erwartet; man sehnt sich danach, daß dem Reformstau die Schleusen geöffnet werden. Kulturell hat er bereits klammheimlich stattgefunden, der Aufbruch zu neuen Ufern, auch wenn es noch nicht von jedem verstanden, ja noch nicht einmal überall bemerkt wird. Feldbusch und Horn sind die deutlichsten Symptome dafür.”

Ästhetische Innovation – nichts anderes denn marktgängige Symbolproduktion – als reaktionäres Gefasel, Feuilleton als Regierungssprecheramt: Auf diesen “Level” der administrierten “Sehnsucht” und des Volksgemeinschaftsappells runtergetrimmt, gelingt Bräunlein ein besonders waghalsiger Vatermord. “Die Deutschen sind das Land der Bedenkzeit.” Die Deutschen sind das Land. “Ob Ladenschlußgesetz oder Steuerreform, ob Holocaust- Mahnmal oder Polyesterhemd, man vertagt oft und gerne”, schwätzt zu ausgiebig und ermangelt der Hauruckunddruff-, der Frontdenkermentalität.

Keiner verkörperte in der Bundesrepublik den besonnenen, universalgebildeten, taktvoll nachdrücklichen Gelehrten genauer als Theodor W. Adorno. Er besaß Esprit, das Gegenteil dessen, wessen sich Jungspunde, Modeschnösel und Up-to-date-Akademiker befleißigen, denen jedes antiintellektuelle Ressentiment recht ist. Bräunlein: “Lieber hören sie aufs Wort – und noch lieber auf das Wort, das nichts Konkreteres beschreibt als eine Idee. So passierte es, daß in diesem Land, wo soviel gedacht und geschrieben wurde, sich die Überzeugung durchsetzte: Das Äußerliche ist frivol, der Geist aber heilig.” Das krampfhafte Festhalten am Praktischen, am Greifbaren, und die blanke Wut auf “die Idee” und den “Geist”: Sie führen schnurgerade in den Revisionismus der gefönten Kerle. “Viele spüren einen Überdruß gegenüber der deutschen Neigung, sich unablässig selbst Asche aufs Haupt zu streuen.”

Bräunleins gewagte Intervention zugunsten künstlerischer Emanationen, die gut, weil schlecht seien, schön, weil campy, geschmackvoll, weil geschmackvoll geschmacklos (und was an hohlen Paradoxien sich konstruieren läßt), nährt umstürzlerische Phantasien: “Vermutlich haben Gebildete schon immer in diesen Gefilden des Verbotenen (des Trivialen, Glitzernden etc.; J. R.) gewildert, aber sie haben es bisher nicht zugeben können”, die verklemmten Tröpfe “haben sich dafür geschämt. Doch jetzt ist das unsichtbare Gängelband der Hochkultur schlaff geworden: Lese statt Adorno lieber einen Porno!”

Nun muß man hier nicht partout Marcuses “regressive Entsublimierung” ins Feld führen, daselbst das Ich (“Das Ich macht sich frei und bekennt sich zu seinen Neigungen”, Bräunlein) keins ist, weil bloß Effekt des Trugs, es sei eins, wenn es lang genug behaupte und der Welt verklickere, eins zu sein, nur: Das Dogma, die Distanz zwischen Kunst und Leben, Artefakt und Wirklichkeit opportun- spätavantgardistisch zu absorbieren, entzieht Theorie, zumal kritischer, ihre Existenzberechtigung; sie soll auf den Schrott, während der Trash an jeder Ecke obsiegt – wenn da auch noch analytische Restbestände abzuräumen sind, “denn bedauerlicherweise gibt es mit Verstandeskräften begabte Menschen, denen das Gefühl für Camp fehlt”. Nein, Adorno campte nicht.

Rolf Tiedemann, der die jüngst erschienene Zusammenstellung von Rundfunkdokumenten Theodor W. Adornos besorgte, Aufnahmen aus den Jahren 1955-1969 (“Aufarbeitung der Vergangenheit – Reden und Gespräche”), beschreibt die “Funktion” Adornos, der 1949 zusammen mit Max Horkheimer nach Deutschland zurückgekehrt war, als jene “eines Praeceptor Germaniae”, ohne daß er diese “gesucht” und sie lange überdauert hätte: “Als er 1969, unerwartet und kaum 65jährig, starb, blieb freilich keine Uhr stehen, eher konnte man ein Aufatmen beobachten, mit dem eine unirritierbare Öffentlichkeit Abschied … nahm.”

“Das Banale kann nicht wahr sein”, dekretierte Adornos Vortrag “Meinung Wahn Gesellschaft” (in: “Eingriffe. Neun kritische Modelle”), obgleich es sich um die eigene Unwahrheit wenig schert. Dagegen operierte noch jeder seiner – vielfach öffentlich dargebrachten – Texte. “Er hat”, würdigte ihn der Religionsphilosoph Georg Picht, “das Wahnsystem, das sich als Realität ausgibt, beim Namen genannt und sich nicht abbringen lassen von dem ›machtlosen Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben‹. Die Erkenntnis eben dieser Machtlosigkeit bricht der Entdeckung einer neuen Form der Autonomie des Denkens ihre Bahn. Durch das Entsetzen vor dem Trug der Affirmation legitimiert sich hier Philosophie zu einer höheren Stufe jener Kritik, in der nach seiner Interpretation die Geschichte des europäischen Denkens ihre Wahrheit hat.”

Das europäische Denken war korrumpiert. “Für den zurückgekehrten Adorno war es nach dem, was in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern geschehen ist, alles andere als selbstverständlich gewesen, daß weiterhin Philosophie so betrieben werden konnte, als ob sich nichts geändert hätte” (Tiedemann). Dafür stand die “Dialektik der Aufklärung”, die zu klären suchte, “warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt”; dafür stand die Frage der “Negativen Dialektik”, “ob nach Auschwitz noch sich leben lasse”; dafür stand Adornos Rede aus dem Jahr 1962: wozu noch Philosophie, welche der “Bewegung des Begriffs” die Möglichkeit eines “Rettenden” zuwies, und dafür stand der ebenfalls vom Hessischen Rundfunk (am 7. Februar 1960) gesendete Essay “Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit” (vgl. “Eingriffe”), ein eindrückliches Beispiel, wie Adornos “Philosophie des Eingedenkens ans Jüngstvergangene” (Tiedemann) den Primat des Inhaltlichen, der erinnernden Erkenntnis, die ihres “Zeitkerns” gewahr ist, und der konfigurativen Sprache gegen den “Ausfall jedes historischen Bewußtseins” (ders.) setzt: ein der Sache verpflichtetes, ›kreisendes‹ Verfahren, abhold der (leeren) Subsumtion resp. systemischen Deduktion und der abstrakten Faktenversammlung – und zuweilen künstlerischer Linienführung und expressiver Komplexität äußerst nahe.

Sei “das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, Bedingung aller Wahrheit” (Adorno), so strebte Adorno die Beförderung historischer und gesellschaftlicher Wahrheit dort an, wo die Konzentration auf das gesprochene Wort die Ressentiments der “nicht-öffentlichen Meinung” zu konterkarieren fähig war – im Rundfunk, inmitten der Kulturapparatur. Zwar schrieb er nicht für den Äther. Gleichwohl glaubte Adorno, der die schärfsten Verdikte wider die monströse Regressionsmaschinerie der Massenmedien formuliert hatte, die lebendige Stimme habe ein Gewicht, das einige wenigstens nicht ignorieren könnten. Hier setzte er seinen Befund, die Menschen seien zu Anhängseln des Marktes erniedrigt, zeitweilig außer Kraft. Das “Unakademische”, die “Abneigung gegen alles Schulmeisterliche” (Elisabeth Lenk), prägte die Rede. Kritisierte er etwa vehement die “Denaturierung der klassischen Musik im Radio”, verlieh er der ungeschmälerten Artikulation den Ausdruck des Hartnäckigen, Unkorrumpierbaren. “Um es besser zu machen”, begab er sich vors Mikrophon, spielte aber nicht mit dem Medium, sondern nutzte es, den Ernst der philosophischen Reflexion zu transportieren. “Es macht tatsächlich Spaß, dem großen alten Mann der Frankfurter Schule zuzuhören”, urteilte läppisch die Pop-“Taz” (23.10.99); Adorno verstand den öffentlichen Auftritt vielmehr als Einübung in die “Arbeit des Begriffs”, als konzentrierte Mimesis an den Gang des Gedankens, in dem sich Humanität mitteilt, und zwar zu keinem Zeitpunkt dekretierend, gebieterisch, philiströs, nein: Dem freundlichen Tonfall korrespondierten die Strenge der Diktion, das Beharren auf sachbezogene Terminologie und die Verzweigung des Satzbaus, ohne Konzession an eingängige, entlastende, Vernunft delegierende “Verständlichkeit” oder den “Schwindel der Kommunikation” (“Sittlichkeit und Kriminalität”, in: “Noten zur Literatur”).

Man müsse immer mit dem Schwersten beginnen, lautete Adornos pädagogische Formel. Dem trägt “Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit”, eine dezidiert pädagogisch orientierte Untersuchung, Rechnung. Adorno verteilt keine Rezepte; er zieht die titelgebende Formulierung, “als Schlagwort höchst verdächtig”, in Zweifel, denn “man will einen Schlußstrich ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen”, ein Gestus, der “von den Parteigängern derer praktiziert” wird, die das Unrecht begingen. Andererseits lastet Vergangenheit genauso sehr als Alp der Vorgeschichte: “Man will von der Vergangenheit loskommen: mit Recht, weil unter ihrem Schatten gar nicht sich leben läßt, und weil des Schreckens kein Ende ist, wenn immer nur wieder Schuld und Gewalt mit Schuld und Gewalt bezahlt werden soll; mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist. Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, … ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.”

Daß der Bann materieller Verknechtung und der Zerstörung des Bewußtseins ferner besteht, dürfte kaum zu bestreiten sein; ebensowenig, daß die Campkulturnation Deutschland nichts zäher betreibt als die offizielle Mumifizierung und Beseitigung des Gedächtnisses. “Ich betrachte”, führte Adorno vor dreißig Jahren aus, “das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.” In eins mit dem Syndrom der Verdrängung gehe die Zurichtung, Leugnung und Instrumentalisierung des Geschehenen: “Wir alle kennen auch die Bereitschaft, heute das Geschehene zu leugnen oder zu verkleinern – so schwer es fällt zu begreifen, daß Menschen sich nicht des Arguments schämen, es seien doch höchstens nur fünf Millionen Juden und nicht sechs vergast worden. Irrational ist weiter die verbreitete Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte.” Das neurotische Kalkül dient der Umkehrung der Schuldverhältnisse, “Rationalisierungen der törichtsten Art” – “für die Untaten des Hitler sollen diejenigen verantwortlich sein, die duldeten, daß er die Macht ergriff, und nicht jene, die ihm zujubelten. Die Idiotie alles dessen ist wirklich Zeichen eines psychisch Nichtbewältigten, einer Wunde, obwohl der Gedanke an Wunden eher den Opfern gelten sollte.”

Adorno schreibt die Dominanz der Realitätsabwehr und des autoritären Charakters dem “Schrumpfen des Bewußtseins historischer Kontinuität in Deutschland” zu, “einem Symptom jener gesellschaftlichen Schwächung des Ichs, die Horkheimer und ich schon in der Dialektik der Aufklärung abzuleiten versucht hatten”. Dabei gehorchen die wahnhaften Reflexe, die zum Inventar des Massenbewußtseins, des politischen Verlautbarungsrituals und der allgemeinen Kulturalisierung zählen, “höchst realitätsgerechten Zwecken. Die Abwehrenden selbst plaudern sie aus, wenn sie etwa praktischen Sinnes darauf hinweisen, daß die allzu konkrete und hartnäckige Erinnerung ans Geschehene dem deutschen Ansehen im Ausland schaden könne.”

In der Druckfassung entschärfte Adorno manche Passage. Ursprünglich zeichnete er das “Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung”; seltene Emphasen, Gegenentwürfe zur Verwaltung des Gedächtnisses und seiner Zerstörung, milderte er ab. “Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann”, endet der Text strikt, “wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.” Davon jedoch ist eine Epoche weit entfernt, in der Rationalität instrumentell verkürzt, Erfahrung aufs äußerste reglementiert, Bewußtsein beschnitten, ja verstümmelt erscheint. Die Wut, mit der man Auschwitz vom Tisch fegt, gehorcht der Logik totaler Administration und Bestätigung des realen Seienden und erzeugt den fürchterlichen Sinn, “daß, wer so reagiert, sich einig weiß mit dem Zeitgeist. Ein solches Reagieren kommt unmittelbar dem Fortkommen entgegen. Wer sich keine unnützen Gedanken macht, streut keinen Sand ins Getriebe.”

Statt wahrer Demokratie, in der nicht länger “die Mehrheit der Menschen sich als potentielle Arbeitslose, Empfänger von Wohltaten und damit eben erst recht als Objekte, nicht als Subjekte der Gesellschaft” fühlen, regiert, objektiv, die Ohnmacht, subjektiv “die eigene Naivität”, die ein zweites Mal verklärt und Ideologie wird – Verblendung, welche der Spätkapitalismus erzeugt, da er hinter dem Rücken der Individuen über deren Geschicke gebietet und Angst sowie Konformismus etabliert, die in Wahn und Aggressionen umschlagen. Die “mangelnde Fähigkeit zur Erfahrung” konstituiert autoritäre Charaktere. “Sie identifizieren sich mit realer Macht schlechthin, vor jedem besonderen Inhalt. Im Grunde verfügen sie nur über ein schwaches Ich und bedürfen darum als Ersatz der Identifikation mit großen Kollektiven und der Deckung durch diese.”

Adornos finstere Lesart der Nachkriegsgeschichte hat sich allerorten bestätigt. “Die, deren reale Ohnmacht andauert, können das Bessere nicht einmal als Schein ertragen; lieber möchten sie die Verpflichtung einer Autonomie loswerden, von der sie argwöhnen, daß sie ihr doch nicht nachleben können, und sich in den Schmelztiegel des Kollektiv-Ichs werfen.” Unverändert und zusehends unwidersprochen krakeelen die Propagandisten des Deutschen. “Daß der Faschismus nachlebt”, daß Freiheit weniger erreichbar denn je scheint, daß “die zur Totalität ausgebreitete Kulturindustrie” alles verblendet und Devianz in sublime Anpassung verkehrt, “daß die vielzitierte Aufarbeitung der Vergangenheit bis heute nicht gelang und zum Zerrbild, dem leeren und kalten Vergessen, ausartete, rührt daher, daß die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen fortbestehen, die den Faschismus zeitigten” – die “ökonomische Ordnung”.

Der Mitschnitt des HörVerlags präsentiert den angriffslustigen Adorno, der “antiintellektuelle Intellektuelle”, die sich der “Besänftigung geistiger, auch realer Nöte” verschreiben und das “Unheil als Heil” ausfällen, bisweilen der verdienten Lächerlichkeit anheimgibt – Ideologiekritik bei der Sache und formvollendet. “Unablässig blähen sich Begriffe und Situationen auf”, führt er das Florett, “edel und anheimelnd in eins” komme ein amorpher, raunender Habitus daher, der “überfließt von der Prätention tiefen menschlichen Erfahrenseins”. Da wird “salbadert”, der “Jargon ist die Wurlitzerorgel des Geistes”, Dokument der Heuchelei und Inhumanität, “Untersprache als Obersprache”, Priestertum, “präfabrizierte Ergriffenheit”, Bennscher “Weg zu den Müttern”, “anthropologische Soße”, das ganze Geseich – “Begriffe als Schmieröl” – die “Signatur nachlebenden Kunstgewerbes”. Selten war Adorno Karl Kraus näher. Er zitiert prononciert, nahezu “genüßlich”, veralbert die Quellen, etwa Pfarrer Schnitzkes, und Bollnows Papier zur Not des Wohnens, “die eigentlich besteht darin, daß die Sterblichen erst wohnen lernen müssen”.

Fünfeinhalb Stunden umfaßt Tiedemanns kaleidoskopische Zusammenstellung, die ein gemeinsames Zentrum besitzt: die Ermöglichung der Freiheit. Fachwissenschaftliche Bescheidung kannte Adorno nicht. Er überwand die akademische Arbeitsteilung, indem er Philosophie, Musikphilosophie, Soziologie, Ästhetik und Pädagogik an die materialistische Gesellschaftstheorie und das Denken der europäischen Aufklärung verwies. “Camp als Sieg des Stils über den Inhalt. Man ahnt die Entlastung, die das bereitet”, schnauft derweil Jürgen Bräunlein im Gefolge Arnold Gehlens und erkennt immerhin: “Klassische Musik und Camp: Fehlanzeige.”

Ginge es nach Bräunlein, der Fluch des mächtigen Adorno wäre vom politischen und kulturellen Leben der Republik genommen. “Der panische Schrecken, den Formen gesellschaftlicher Aufklärung erregen, die im offiziellen Kommunikationssystem nicht eingeplant sind”, indes bleibt, solange Adorno zu lesen und zu hören ist. Das Radiokompendium beschließt ein Gespräch, das Adorno mit Hellmut Becker am 16. Juli 1969 führte, kurz vor seinem Tod. “Erziehung zur Mündigkeit” reaktualisiert Motive aus “Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit” und zeigt einen Denker, der engagiert, drängend, beinahe feurig den Plan verfolgt, “in diesen Muff einige Funken zu bringen, die ihn explodieren lassen”, der “synthetischen Verdummung, die wir heute in allen Ecken und Enden zu gewärtigen haben”, zu wehren und “Bindung und Ordnung” zu desavouieren. Sein Wunsch war: die “Erziehung des Madigmachens”.

Nein, Adorno campte nicht. Und kämpfte nicht länger. Er starb am 6. August 1969, von Arbeit überlastet, von den Prüfungsverpflichtungen, denen er nicht ausweichen konnte oder mochte, und von den politischen und akademischen Angriffen (Popper, Hochhuth, Soziologentag, SDS) zermürbt. Dreißig Jahre später treten dem, der Schwäche zeigte und sich gehetzt fühlte, zuzeiten selbst dort, wo er dem Argument im größten Tumult Raum zu geben verstand, die Loveparadesoldaten nach. Das Erleben des Hierundjetzt ist halt wahrlich und wirklich und bombengerade richtig schön bunt; und blöd.


Jürgen Bräunlein: “Schön blöd – Der unheimliche Medienerfolg der Untalentierten”. Quadriga Verlag, Berlin 1999, 208 Seiten
Theodor W. Adorno: “Aufarbeitung der Vergangenheit – Reden und Gespräche”. HörVerlag, München 1999, 5 CDs, 29,95 Euro
 


BRON
Konkret – augustus 2009



 

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