De Shoah uit Afrikaans perspectief

Senegalesische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in der französischen Armee kämpften


 

EIN ESSAY ÜBER WELTGEDÄCHTNIS, PRESTIGE UND OPFERHIERARCHIEN

Die Auseinandersetzungen mit dem Holocaust auf dem afrikanischen Kontinent sind ebenso wenig bekannt, wie die reiche Literatur zum Thema. Unterschiedliche Erfahrungen und andere Formen des Gedächtnisses können zur Utopie einer Begegnung von Gleichberechtigten auf der Bühne des Weltgedächtnisses beitragen.

 
Auf dem afrikanischen Kontinent wachse das Interesse am Holocaust, sagte kürzlich die Historikerin Tali Nates bei einem Vortrag im Berliner Selma Stern Zentrum für jüdische Studien. Nates, in Israel geboren und seit Jahrzehnten in Südafrika zu Hause, leitet in Johannesburg das Holocaust & Genocide Centre. Ihre Bemerkung stand in auffälligem Kontrast zu Mutmaßungen, die sich zeitgleich durch viele Kommentare zur Documenta 15 zogen: Der sogenannte globale Süden sei wohl, was die Judenvernichtung betrifft, ahnungslos, empathielos und im Zweifelsfall antisemitisch.
 
Wie außerhalb Europas und Nordamerikas über den Holocaust gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ist nicht leicht zu sagen, denn die Masse an westlicher Forschung, Literatur und Memory-Kultur ist so überwältigend, dass andere Stimmen leicht überhört werden. Nur beispielhaft seien hier deshalb einige Zugangsweisen in Afrika dargestellt, einem Kontinent, dem gern historische Ignoranz attestiert wird. So standen bei Ágnes Heller „die Afrikaner“ schlicht für jene, die vom Holocaust „nichts wussten“. Offensichtlich kannte die ungarische Philosophin weder die Rolle von einer Million afrikanischer Kolonialsoldaten, die unter französischer Fahne gegen den Nationalsozialismus kämpften, noch die Judenverfolgung in den besetzten Staaten Nordafrikas.

 

Die vergessenen Juden Nordafrikas

Quelle: veroniquechemla.info

1933 lebten im Norden des Kontinents fast so viele Juden/Jüdinnen wie in Deutschland: dort eine halbe Million, im Maghreb vierhundertdreizehntausend. Und die Shoah kam bedrohlich nahe: Die Juden in Marokko, Algerien und Tunesien wurden durch das antisemitische Vichy-Regimes entrechtet, jene in Libyen durch den italienischen Faschismus. Tausende wurden in Lager verschleppt, manche zur Vernichtung nach Europa deportiert. In jüngerer Zeit haben unter anderem algerische Schriftsteller begonnen, diese Verflechtung von Kolonialismus und Faschismus literarisch zu bearbeiten. Anouar Benmalek verbindet in Fils de Shéol in einer fiktiven Familien-Dynastie den Judenmord in Polen, die Verfolgung in Algerien und den deutschen Genozid in Südwestafrika. Letzteren sieht er als eine Art Labor für den NS-Völkermord.
 
Aus Libyen zieht sich wiederum eine gepunktete Linie über Deutschland nach Israel. Die Großmutter von Yossi Sucary wurde aus Benghazi nach Bergen-Belsen deportiert. Als ihr Enkel, in Israel geboren, seiner Lehrerin davon erzählte, hörte er: das habe er sich ausgedacht, der Holocaust beträfe nur europäische Juden. Sucary schrieb später den Roman Benghazi – Bergen-Belsen: The Lost Story of the Holocaust of North African Jews. Die Hauptfigur, seiner Großmutter nachempfunden, steht in Bergen-Belsen inmitten der europäischen Juden auf der untersten Stufe der Häftlingshierarchie, wird als Schwarze bezeichnet, sexuell belästigt und schließlich von drei holländischen jüdischen Kapos vergewaltigt. Ein herber Verweis auf die Diskriminierung, die der Autor aufgrund seiner Herkunft in Israel erlebte.

 

Kolonialsoldaten gegen Hitler

In Westafrika stößt man vielerorts auf Zeichen der Erinnerung an den Beitrag der Kolonialsoldaten zur Befreiung Europas; in der senegalesischen Hauptstadt Dakar wird der Gefallenen auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz gedacht. In den französischen Kolonien wurde ebenso wie in den britischen das Schreckensbild des NS-Rassismus zur Rekrutierung eingesetzt: Beweist Hitler, dass ihr keine Affen, sondern Menschen seid!

Quelle: taylorfrancis.com

Die Kriegsbeteiligung, schreibt der ghanaische Historiker Edward Kissi, sei auch als Akt der Selbsterhaltung begriffen worden, als Antwort darauf, was NS-Herrschaft für Schwarze bedeuten würde. Seine Studie Africans and the Holocaust gilt als Pionierprojekt, um subsaharische Perspektiven in die Holocaust-Forschung zu integrieren. Gebildete Afrikaner und Afrikanerinnen hätten übersetzte Auszüge von Mein Kampf gekannt; der Hass auf Juden wurde nicht religiös oder mythisch erklärt, sondern als Verbrechen aus Rassismus.
 
Und es machte in diesem Zusammenhang Eindruck, dass die verfolgten Juden Nordafrikas ebenso wie jene in Europa aus subsaharischer Perspektive weiß waren. „Dass sich die Haupttäter des Holocaust in ihrer physischen Erscheinung nicht von den Hauptopfern unterschieden, sahen Menschen in Afrika als ein bedrückendes Vorzeichen, was sie selbst unter einer Nazi-Herrschaft erwarten würde.“ Im kolonialen Kenia wurden hellhäutige Juden im Kastensystem der Kolonialverwaltung als europäisch eingestuft, doch blieb es Afrikaner:innen nicht verborgen, dass die britischen Siedlerfamilien dazu ihre eigenen Ansichten hegten und Juden nicht als Ihresgleichen betrachteten.

 

Ein universelles Zeichen?

Antisemitismus galt als Ausdruck europäischer Unzivilisiertheit und das gab der antikolonialen Opposition intellektuell Rückenwind. Nach dem Ende der Kolonialzeit aber ging das Interesse zurück, konstatiert Kissi – gerade weil der Holocaust eben als eine dezidiert europäische Geschichte betrachtet wurde. Die hatte lange genug die schulischen Curricula dominiert und sollte nun nicht mehr das Bewusstsein der neuen Generation bestimmen. Um beim Beispiel Kenia zu bleiben: Nicht nur galt der Antisemitismus als eine europäische Krankheit, verwurzelt im dortigen Denken, sondern aus Europa kam bald nach 1945 ein zweites mächtiges Signal: Die Exzesse der Gewalt gegen Unabhängigkeitsbewegungen, etwa die des britischen Staats gegen die Mau-Mau-Kämpfer:innen. Die Welt mochte erschüttert sein über Shoah und NS-Verbrechen, doch für die Kolonisierten blieb dies ohne Konsequenz. Selbst die UN-Genozid-Konvention wurde so abgefasst, dass Kriegsführung gegen die Zivilbevölkerung in den Kolonien nicht sanktioniert würde.
 
Im Zeitraum zwischen 1940 und 1960 haben sich also in einer Reihe afrikanischer Gesellschaften Erfahrungen eingeschrieben, die es kaum nahelegen, den Holocaust als einen einzigartigen Zivilisationsbruch zu verstehen. Einzelne Intellektuelle mögen gleichwohl dieser Auffassung sein, und die Besonderheiten der Shoah zu verstehen, hängt ohnehin nicht von Hautfarbe oder Herkunft ab. Doch im Allgemeinen kommt der Judenvernichtung eher nicht die Bedeutung eines universellen Zeichens zu. Doch findet sich in den Literaturen des Kontinents schon länger das Phänomen sogenannter Ko-Erinnerung, d.h. der Shoah werden andere, eigene Erfahrungen von Vernichtung beigesellt.

 

African Genocide

Der nigerianische Literaturwissenschaftler Chigbo Anyaduba untersucht ein Genre, das er Postcolonial African Genocide Novel nennt. Inspiriert hat ihn dazu die bis heute unzureichende Aufarbeitung von Verbrechen an der Zivilbevölkerung während des Biafra-Kriegs Ende der 1960er Jahre, als sich das gleichnamige Gebiet Nigerias unabhängig machen wollte. Bilder ausgemergelter Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen galten in Europa meist nur als Steigerung von „Afrika“, während nigerianische Dichter empathische Analogien zu Auschwitz zogen. In der Literatur über die Verbrechen im Biafra-Krieg und über den Genozid in Ruanda fand Anyaduba nun Gemeinsamkeiten aufgrund ihrer beidseitigen Referenz zum Holocaust.

Quelle: afrikaroman.de

Unter dem Aspekt, ob und wie der Genozid in Ruanda darstellbar ist, dem in drei Monaten eine Million Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, erregte Murambi. Das Buch der Gebeine besondere Aufmerksamkeit; es entstand im Rahmen einer panafrikanischen Initiative „Schreiben um zu erinnern“. Der senegalesische Schriftsteller Boubacar Boris Diop erzählt nüchtern und multiperspektivisch aus der Sicht von Opfern und Peinigern, von ohnmächtigen Exilierten und bewaffnetem Widerstand. Diop ist der intellektuellen und politischen Emanzipation Afrika verpflichtet und spart die engen Beziehungen Frankreichs zu Protagonisten des Massenmords nicht aus, ohne indes irgendeine Seite aus Verantwortung und Trauer zu entlassen.
 
Überlebende hatten ihn zunächst beschworen, aus dem von ihnen bezeugten Horror keine Belletristik zu machen; sie plagte dieselbe Angst wie 1945 Shoah-Überlebende: Niemand werde ihren Schilderungen Glauben schenken. Anderswo preisgekrönt wurde Murambi erst zehn Jahre nach seinem Erscheinen ins Deutsche übersetzt und von einem Verleger tunesischer Herkunft in einem kleinen Leipziger Verlag veröffentlicht. Afrikaner:innen wird gern unterstellt, sie hätten zum Holocaust-Diskurs nichts beizutragen, während man ihre Auseinandersetzung mit eigenen Genozid-Erfahrungen ignoriert.
 
Die millionenhafte Deportation von Versklavten „African Holocaust“ oder „Black Holocaust“ zu nennen, kommt eher im afro-amerikanischen Aktivismus als in Afrika vor; das erklärt sich aus der Stellung und dem Prestige von Holocaust-Memory in den USA, während die Geschichte der Versklavten dort weiterhin im Schatten unzureichender Schuldanerkennung steht. Deren Leid an den Holocaust heranzurücken, damit verbindet sich auch die Hoffnung, Reparationen könnten eher erkämpft werden, wenn Versklavung als Verbrechen gegen die Menschheit anerkannt werde. Die kamerunische Essayistin Léonora Miano diagnostiziert solche Anleihen indes als Unfähigkeit, die eigene, afrikanische Geschichte ohne Rückgriff auf die Kategorien anderer zu denken. „Weil der Westen den Genozid an den Jüdinnen und Juden als Gipfel der Barbarei betrachtet, wird diese Terminologie übernommen, um mit eigenem Opferkapital aufzutrumpfen.“

 

Utopie der Begegnung

Man kann es als geteiltes Anliegen der unterschiedlichen Zugangsweisen verstehen, aus einer Opferhierarchie herauszufinden, in der afrikanische Erinnerung auf untere Ränge verwiesen wird. Besonders deutlich wurde diese Position in einer Erklärung afrikanischer Intellektueller, die zur Unterstützung von Achille Mbembe formuliert wurde, als dem Philosophen in Deutschland wegen seiner Haltung zu Israel Antisemitismus vorgehalten wurde: „Die Beziehungen zwischen verschiedenen Erinnerungen an menschliches Leid sind keine Beziehungen der Vorrangigkeit oder Vorherrschaft, sondern der Solidarität. (…) Alle Erinnerungen können geteilt werden, denn in jedem Unglück und jeder Katastrophe unserer gemeinsamen Geschichte ist die Gestalt eines jeden von uns verfinstert worden. Alle Erinnerungen der Erde, ohne jegliche Diskriminierung, sind für den Aufbau einer gemeinsamen Welt unerlässlich.“ Noch ist das die Utopie einer Begegnung von Gleichberechtigten auf der Bühne des Weltgedächtnisses.
 
Das Gespräch über Hierarchien der Erinnerungen und damit der Geschichtsbilder ist seit den frühen Zeiten der Dekolonisierung nie verstummt, doch erschöpfen sich die Bemühungen bis heute oft darin, rassistisch konnotierte Abwertungen (Afrikaner stehen außerhalb der Geschichte) zurückzuweisen und mit einer holzschnittartigen Gegenerzählung von Heldentum und Leid zu kontern. Aber gerade wer davon überzeugt ist, dass Afrikaner:innen jenseits allen Zweifels historische Subjekte sind, kann sich auf  die Vielgestaltigkeit ihres historischen Bewusstsein einlassen – und die Haltungen zum Holocaust sind dafür ein gutes Beispiel. Zeigen sie doch, dass Globalisierung selbst im Fall dieses besonders prestigeträchtigen Gedenkens, unterstützt von unzähligen Institutionen der westlichen Welt, kein hegemonialer Prozess ist, sondern sich in unterschiedliche Aneignungen, Modulationen oder auch Zurückweisungen auffächert, je nach Ort und Umständen.

 

Südafrika – radikale Aneignung

In diesem Panorama steht Südafrika für eine verblüffend radikale Form der Aneignung entfernten Leids zum eigenen Nutzen. Während der Jahrzehnte der Apartheid dienten drastische Analogien zur Judenverfolgung dazu, die Herrschaft der weißen Minderheit als Verbrechen anzuklagen und internationale Unterstützung für den Befreiungskampf zu mobilisieren.  Bereits 1945 hieß es in einem Manifest, das Leben eines Schwarzen sei in Südafrika so billig „wie das Leben eines Juden in Nazi-Deutschland“.  Die im Rassensystem der Apartheid als Schwarz klassifizierte Bevölkerung war zwar nicht von Auslöschung bedroht, aber die Folie der Judenverfolgung wurde weltweit verstanden. Zudem war im burischen Rassismus zweifellos NS-Gedankengut enthalten, Antisemitismus inbegriffen. Und die Holocaust-Bezüge der Befreiungsbewegung waren keineswegs nur taktischer Natur. Ahmed Kathadra, ein führender Kader des African National Congress (ANC), hatte Auschwitz besucht, war davon tief beeindruckt und erwähnte die Vernichtungsstätte immer wieder in Reden auf Kundgebungen.
 
Die Geschichte des südafrikanischen Befreiungskampfes steht noch für einen weiteren bemerkenswerten Brückenschlag im Weltgedächtnis, nämlich zur Solidarität in den USA zwischen Schwarzen und Juden/Jüdinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – im dortigen Kampf für Bürgerrechte und gegen die Bedrohung durch den Ku-Klux-Klan. Unter den Weißen im ANC stach die große Zahl von Juden und Jüdinnen heraus; manche kämpften bewaffnet, gingen ins Gefängnis, ins Exil. Die Entscheidung, sich gerade als Juden an die Seite rassistisch Gedemütigter zu stellen, war ähnlich wie in den USA von der Überzeugung getragen, im Wesentlichen einen gemeinsamen Feind zu haben. Allerdings dachte so nur die Minderheit der jüdischen Community; die Mehrheit arrangierte sich mit der Apartheid und rechtfertigte dies mit einem geschichtsbedingt größeren jüdischen Bedürfnis nach Sicherheit.
 
Ein innerjüdischer Disput, in dem sich die Spannung zwischen zwei Holocaust-Interpretationen ausdrückt: Einzigartigkeit versus Universalität. Erstere erzeugte Opferbewusstsein, letztere motivierte zum Handeln. Die Kontroverse hält weltweit bis heute an, und es ist kein Zufall, dass der Vorwurf, in Israel-Palästina herrsche Apartheid, aus Südafrika besonders laut zu hören ist: Wegen der dortigen Erfahrung mit universalistisch verstandener jüdischer Solidarität und mit einer anderen Kultur des Sprechens über Lehren aus dem Nationalsozialismus.
 
Das Ende der Apartheid-Ära wurde symbolisch besiegelt durch die Eröffnung einer Anne-Frank-Ausstellung am Vorabend der ersten demokratischen Wahlen. „Indem wir Annes Angedenken ehren“, sagte Nelson Mandela, „sagen wir mit einer Stimme: Niemals und niemals wieder!“ Holocaust-Gedenken wurde später in schulischen Lehrplänen verankert – als Erziehung zu Respekt für Menschenrechte.

 

Side by side

Johannesburg Holocaust and Genocide Centre; Quelle: un.org

Mittlerweile gibt es drei Holocaust-und-Genozid-Zentren in Südafrika; jenes in Johannesburg sticht heraus, weil es sich gleichermaßen der Shoah wie dem Genozid in Ruanda widmet. Zwei Portraits in gleicher Größe zeigen eine Überlebende aus Polen und einen Überlebenden aus Ruanda, beide treten als Zeitzeug:innen auf. Antisemitismus wird nicht separat gestellt; die Besucher:innen sollen verstehen, welche furchtbaren Folgen Othering in allen Formen haben kann. „Side by side“, Seite an Seite, solle man die großen Menschheitsverbrechen betrachten, unterstrich Tali Nates, die Direktorin, auch bei ihrem Vortrag in Berlin. Damit meinte sie nicht nur Völkermorde unterschiedlicher Art, sondern auch Shoah und koloniale Verbrechen.
 
Etwas mehr von diesem südafrikanischen Geist würde dem Nachdenken über Erinnerungskultur und Opferhierarchien guttun. Die Ausschlüsse und Denkblockaden, mit denen die Debatte darüber so oft erschwert wird, erscheinen vor dem Hintergrund afrikanischer Umgangsweisen ganz besonders absurd.


AUTEUR
Charlotte Wiedemann, langjährige Auslandsreporterin, lebt als Publizistin und Autorin in Berlin. Von Erinnerung, Empathie und Respekt handelt ihr jüngstes Buch: „Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis“, Berlin (Propyläen) 2022.


Bron: geschichte der gegenwart31 juli 2022


Bron uitgelichte foto: senegal-online.com

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