In hoeverre is de Shoah uniek?

Joerg Koch: Das ehemalige Konzentrationslager Dachau


 
Wie gedenkt man in Deutschland der eigenen Geschichte – des Holocausts, aber auch der eigenen Kolonialgeschichte? Darüber diskutieren insbesondere Historiker und Historikerinnen in den vergangenen Monaten verstärkt. Einer der Anlässe war die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des Buches “Multidirectional Memory” von Michael Rothberg, das im englischsprachigen Original bereits 2009 erschienen ist. Hier plädiert Rothberg für eine Neuorientierung der Debatte.
 
 

DER NEUE HISTORIKERSTREIT BEDARF EINER ANDEREN RICHTUNG

Eine neue Debatte über den Holocaust und sein Vermächtnis beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit. Doch die Konzentration auf die Singularität verdeckt wichtige Aspekte.

 
Seit anderthalb Jahren beschäftigt eine Reihe prominenter Debatten über den Holocaust und sein Vermächtnis die deutsche Öffentlichkeit. Es begann mit der Kontroverse um Achille Mbembes Einladung zur Ruhrtriennale, setzte sich mit den Reaktionen auf die deutsche Übersetzung meines im Original 2009 erschienenen Buches Multidirektionale Erinnerung fort und kulminiert – für den Augenblick – in den erregten Entgegnungen auf A. Dirk Moses’ Essay Der Katechismus der Deutschen. Diese Debatten zeigen manche Ähnlichkeiten mit dem Historikerstreit von 1986. Wie dieser berühmte Disput betreffen auch die gegenwärtigen Diskussionen die Frage der Einzigartigkeit des Holocausts sowie seine Stellung in der öffentlichen Kultur des Landes. Doch bestehen auch wichtige Unterschiede. Drehte sich der Historikerstreit – eine Auseinandersetzung zwischen männlichen deutschen Intellektuellen, die den Krieg miterlebt hatten – um die Vergleichbarkeit von Holocaust und stalinistischem Terror, so werden die heutigen Debatten von einem bunter gemischten und internationaleren Kreis von Gesprächsteilnehmern ausgetragen und zielen vor allem auf das Verhältnis des Holocausts zur außereuropäischen und kolonialen Geschichte.
 
Zwar werden dabei wesentliche Fragen aufgeworfen, doch ist mein Eindruck, dass – vor allem in den deutschen Feuilletons – einige der folgenreichsten Aspekte in diesen erhitzten und oft scharfen Auseinandersetzungen untergegangen sind. Die Gegner einer vergleichenden Herangehensweise an den Nationalsozialismus und den Holocaust – wie sie auf ganz unterschiedliche Weise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie MbembeMosesManuela BaucheSusan NeimanJürgen Zimmerer und mir selbst verfolgt und auch an der Basis von verschiedenen Aktivisten of Colour in Deutschland weitergeführt wird – reiten immer wieder auf denselben Punkten herum: Der Holocaust war ein weltgeschichtlich singuläres Ereignis und lässt sich nicht als Kolonialverbrechen beschreiben. Diese Punkte wurden von Journalisten in Kritiken zu meinem Buch gebetsmühlenartig wiederholt und spielten in den letzten Wochen auch in den Reaktionen so prominenter Historiker wie Götz AlyDan Diner und Saul Friedländer auf Moses’ Essay eine Rolle. Natürlich sind das zentrale Fragen, die Kolonial- sowie Holocaust- und Genozidforscher debattieren müssen. Die obsessive Konzentration auf die Singularität verdeckte aber andere wichtige Aspekte, die viele von uns hervorgehoben haben. Während die Kritik immer wieder auf die Frage nach der Einzigartigkeit des Holocausts zurückkommt, glaube ich, dass wir die Debatte neu ausrichten müssen, um Fragen der kulturellen Erinnerung, der historischen Verantwortung und der nationalen Identität in den Vordergrund zu stellen.
 
Ich behaupte in Multidirektionale Erinnerung nicht, dass die Geschichte des Holocausts nur durch eine koloniale Brille zu verstehen sei. Das Buch geht aber sehr wohl von einer überraschenden historischen Tatsache aus: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat eine vielfältige wissenschaftliche und kulturelle Tradition den Völkermord an den Juden im Zusammenhang mit kolonialer Gewalt und schwarzenfeindlichem Rassismus diskutiert und erinnert. Diese Traditionslinie umfasst sowohl prominente europäisch-jüdische Intellektuelle, die die Zeit des Nationalsozialismus durchlebt hatten, wie Hannah Arendt und André Schwarz-Bart, als auch einflussreiche Schwarze Denker wie Aimé Césaire, Frantz Fanon und W. E. B. Du Bois. (Es ist keine geringe Ironie, dass auch die Nazis selbst diese Verbindungen interessiert verfolgten, wie der Rechtswissenschaftler James Q. Whitman in seinem Buch Hitlers amerikanisches Vorbild gezeigt hat.)
 
In meiner Beschäftigung mit dieser Tradition – die ich als eine der “multidirektionalen Erinnerung” bezeichnet habe – ging es mir nicht darum, die historischen Ursprünge des Holocaust zu ermitteln. Meine Frage lautete vielmehr: Was kann uns diese Tradition über die Mechanismen der Erinnerung und die Erfordernisse der historischen Verantwortung lehren? Ich zog drei Schlüsse aus der Betrachtung dieser multidirektionalen Tradition – die besonders in der französischsprachigen Welt stark ist, aber auch prominente Vertreterinnen und Vertreter in englischsprachigen Kreisen hat.
 
Erstens folgt die öffentliche Erinnerung nicht der Logik eines Nullsummenspiels. Insbesondere “relativiert” oder verkleinert es die Shoah nicht, den Holocaust zu Erinnerungen an Kolonialismus und Sklaverei in Beziehung zu setzen, wobei umgekehrt das Gleiche gilt; beides kann im selben öffentlichen Raum nebeneinander bestehen. Mehr noch: Ich zeige, dass die Erinnerung an den Holocaust und die an koloniale und rassistische Gewalt ineinander einfließen, ja, dass jede Erinnerungstradition gerade aufgrund solcher Wechselwirkungen ihre jeweilige Form angenommen hat. Diesen dynamischen und dialogischen Prozess ihrer gemeinsamen Entstehung bezeichne ich als “Multidirektionalität”.
 
Zweitens sollte die Forschung, statt die Einzigartigkeit einer Gedenkkultur gegenüber einer anderen vorauszusetzen – oder ständig zu bekräftigen –, für unerwartete Echos und Austauschbeziehungen offen sein, selbst zwischen unwahrscheinlichen Paarungen geschichtlicher Ereignisse. Das ist ein methodologisches Argument: Wie müssen stärker miteinander verflochtene Erinnerungsgeschichten schreiben, statt von ihrer Getrenntheit auszugehen, wie Moses ebenfalls geltend macht. Indem ich einklammerte, was ich über die Geschichte der Holocaust-Erinnerung zu wissen glaubte, konnte ich Entdeckungen machen, die für mich völlig unvorhersehbar waren: zum Beispiel, dass sich die Holocaust-Erinnerung in Frankreich während des algerischen Unabhängigkeitskrieges herausbildete, also in unmittelbarer Berührung mit einem späten Kolonialkrieg, in dem Instrumente wie massenhafte Folterungen und Konzentrationslager eingesetzt wurden.

 

Wir können die deutsche Erinnerungskultur neu erzählen

Drittens müssen wir das Verhältnis von Erinnerung und Identität neu denken. Für die Erinnerungsforschung – wie auch für die meisten Laien – galt lange als ausgemacht, dass das öffentliche Gedächtnis eine Form von Kollektiveigentum ist. Juden oder Deutsche “besitzen” die Erinnerung an den Holocaust, so wie Schwarze die Erinnerung an die Sklaverei “besitzen”. Doch sind die Dinge komplizierter. Die Artikulation der Erinnerung trägt dazu bei, Gruppenidentitäten zu schaffen, statt bloß gegebene Gruppenidentitäten widerzuspiegeln. Wenn die Erinnerung multidirektional ist, dann sind Identitäten offener und veränderlicher, als oft angenommen wird. Du Bois “erinnert” den Holocaust, so wie Schwarz-Bart die Versklavung der Afrikaner “erinnert”.

Auch wenn mein Buch die deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht explizit thematisierte, so haben all diese Argumente doch auch entscheidende Konsequenzen für die deutsche Öffentlichkeit: Der deutsche Kolonialismus lässt sich zusammen mit dem Holocaust erinnern, ohne die zentrale Bedeutung des Letzteren zu relativieren; wir können die deutsche Erinnerungskultur neu erzählen, um unerwartete Resonanzen zum Vorschein zu bringen, etwa mit der Geschichte der Arbeitsmigration; und wir können sinnvollere Diskussionen darüber führen, wie sich Einwanderer und Geflüchtete an der deutschen Gedächtniskultur beteiligen können, aber auch darüber, wie weiße Deutsche ihren Zugang zur Nationalgeschichte globalisieren und pluralisieren können. (Diese letzteren Themen sind Gegenstand eines Buchs, das ich gerade zusammen mit Yasemin Yildiz schreibe.)
 
Vielleicht am wichtigsten ist, dass uns eine Ausrichtung der Diskussion auf die Erinnerungskultur die Auseinandersetzung mit einer wesentlichen moralischen und politischen Frage erleichtern kann: Was nämlich folgt aus der Einzigartigkeit des Holocausts? Das ist keine Frage, die allein durch Historikerinnen und Historiker oder Behauptungen über die Unterschiede zwischen dem Holocaust und anderen Gewaltgeschichten entschieden werden kann. Sie betrifft sowohl das, was wir in der Gegenwart aus der Vergangenheit machen, als auch das, was die Vergangenheit von uns einfordert.

Ich bin vor allem verblüfft über die Schlussfolgerung, die vielen kritischen Reaktionen auf mein Buch zugrunde lag: dass wir nur – oder vielleicht in höherem Maße? – für Verbrechen verantwortlich sind, die sich durch Einzigartigkeit auszeichnen. Am transatlantischen Sklavenhandel waren zahlreiche Nationen beteiligt, und in vielen Ländern war die Sklaverei legal. Heißt das, dass ich als weißer US-Amerikaner keine besondere Verantwortung für das trage, was in den Vereinigten Staaten geschah und in seinen Hinterlassenschaften bis heute fortlebt? Im Zuge des Siedlerkolonialismus wurden überall auf der Welt indigene Völker vertrieben und enteignet. Wird es dadurch für mich weniger wichtig, mich mit der Eroberung Nordamerikas und dem Völkermord an den indigenen Völkern dort auseinanderzusetzen? Die Antwort auf diese Fragen lautet offensichtlich Nein. Abgesehen davon besteht die historische Verantwortung für die Sklaverei und ihr Nachleben im strukturellen Rassismus neben der Verantwortung für den Genozid an den indigenen Völkern und ihre fortwährende Enteignung. Diese Geschichten werfen gleichermaßen dringende Forderungen nach materieller und symbolischer Wiedergutmachung auf.
 
In ähnlicher Weise würde ich behaupten, dass die Verantwortung für den deutschen Kolonialismus heute in Deutschland neben der Verantwortung für den Holocaust besteht – so wie die Verantwortung für die rassistischen und antisemitischen Logiken, die lange nach dem Ende des Nationalsozialismus und der Kolonialzeit weiterleben. Viele Menschen würden dem zweifellos zustimmen, doch ist damit eine weitere Konsequenz verbunden. Ein wichtiger Aspekt der vorherrschenden “anti-multidirektionalen” Perspektive im heutigen Deutschland ist die Beteuerung, dass wir den Holocaust nicht nur von anderen Gewaltgeschichten abgrenzen, sondern darüber hinaus Rassismus und Antisemitismus als autonome Phänomene auseinanderhalten müssen. Auch wenn dieser Abgrenzungswunsch immer wieder diskutiert wird, vernachlässigt er die Verflechtung von kolonialem Rassismus und Antisemitismus, wie sie verschiedene Gelehrte herausgearbeitet haben.
 
Ebenso wichtig ist, dass er die moralischen und politischen Anforderungen der Gegenwart übergeht. Den rechtsextremen Terror, der in den jüngsten Jahren sein hässliches Haupt in Deutschland und den Vereinigten Staaten erhoben hat, interessiert die Unterscheidung von Antisemitismus und Rassismus nicht. Die extreme Rechte zielt im Gegenteil auf Juden, Schwarze und andere rassifizierte Minderheiten gleichzeitig und mit gleicher Bösartigkeit. Nein, die Formen des Hasses sind nicht identisch; ja, sie haben ihre je eigenen Geschichten. Trotzdem aber sind diese Geschichten ineinander verflochten und gerade aus diesem Grund besonders tödlich. Das Konzept der multidirektionalen Erinnerung kann uns dabei helfen, die nur scheinbar gegensätzlichen Forderungen auszubalancieren: die Besonderheiten der unterschiedlichen Geschichten zu würdigen und zu verstehen, dass sie in der Vergangenheit miteinander verbunden waren und es in ihrem erschreckenden Wiederaufleben auch heute noch sind.

Aus dem Englischen von Michael Adrian


AUTEUR
Rothberg ist Professor für Holocaust Studies und Professor für Englisch und komparative Literaturwissenschaften an der University of California in Los Angeles.


Bron: Die Zeit24 juli 2021Engelse versie


Uitgelichte foto: © Joerg Koch/​Getty Images – bron: oorspronkelijk artikel

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